Brandenburg : Mit Äpfeln gegen Neonazis

Besser über Neonazis lachen als sie ignorieren: Jugendliche wollen die NPD entlarven und starten zu einer satirischen "Gautour" durch Brandenburg. Mit ihrer "Front Deutscher Äpfel" versuchen sie ein Zeichen gegen Neonazis zu setzen.

Kathrin Hedtke[ddp]

BeeskowÜber den Marktplatz in Beeskow marschieren zwei Jugendliche in schwarzem Anzug und mit Armbinde. In der Hand halten sie eine blutrote Fahne, auf der ein weißer Kreis mit einem schwarzen Apfel in der Mitte prangt. Die beiden Beeskower Schüler Willy und Jonas gehören zur Front Deutscher Äpfel (FDÄ) - kurz Apfelfront genannt. Mit Flugblättern und Megafon wehren sie sich gegen die "Überfremdung des deutschen Obstbestands". Ihre Parolen lauten "Südfrüchte raus" und "Weg mit dem faulen Fallobst".

Willy und Jonas übernehmen bewusst die Slogans der Neonazis, um sie zu entlarven. Das sei Satire, betonen sie. Die Apfelfront ist vor allem am Rande rechter Aufmärsche aktiv. "Wir wollen den Nazis die Aufmerksamkeit wegnehmen", erklärt der 18-jährige Willy. Ihre Nachnamen wollen die Schüler lieber nicht verraten. Zwar gibt es ihrer Meinung nach in Beeskow nicht viele Neonazis, doch sicher ist sicher. Denn nächste Woche gehen die Freunde zu zweit auf "Gautour" durch Brandenburg, um vor den Kommunalwahlen gegen Rechts zu mobilisieren. "Wir wollen die NPD raushaben aus unseren Kreistagen und Stadtparlamenten", macht Willy deutlich.

Neonazis keinen Platz geben

In ihren Ferien wollen die Schüler morgens in Willys Transporter klettern und fünf Tage lang die Jugendclubs abklappern. Dabei wollen sie zur Wahl einer demokratischen Partei ermuntern und ein Netzwerk für Aktivitäten aufbauen. Das Geld für das Benzin zahlt Willy aus eigener Tasche, er ist quasi der Boss der Apfelfront in Brandenburg. Sein Anzug ist neu, auf der roten Krawatte glänzt eine goldene Anstecknadel. "Man sieht direkt, wer der 'Gauleiter' ist", sagt Jonas. Neonazis kleideten sich in Shirts mit Che-Guevara-Aufdruck und kopierten den Stil der Linken. Das wolle die Apfelfront umkehren.

Willy verkündet: "Wir sind der bestangezogene schwarze Block, wie unser 'Führer' sagt." Der "Führer", das ist Alf Thum aus Leipzig. Der Aktionskünstler gründete 2004 nach dem Erfolg der NPD bei der Landtagswahl in Sachsen die FDÄ - in Anlehnung an den Namen von NPD-Fraktionschef Holger Apfel. Willy sah im Fernsehen einen Beitrag über die Satiregruppe und war begeistert. Da es in Brandenburg noch keinen Ableger gab, gründete der 18-Jährige vor etwa einem Jahr den "Alkmenischen Ostgau". "Alkmene ist eine Apfelsorte aus Müncheberg", erklärt der "Gauleiter".

Testdemos in Fußgängerzone

Seiner Schätzung zufolge zählen in der Mark mindestens 50 junge Menschen zur Apfelfront, bundesweit sind es etwa 600. Genau weiß es Willy nicht, da es keine feste Mitgliedschaft gibt. Anfangs machte der Schüler in seinem Umfeld Werbung und fand schnell Mitstreiter. Der Großvater eines Mitstreiters setzte sich an die Nähmaschine und schneiderte die Armbinden. Der erste und bislang einzige große Auftritt des "Alkmenischen Ostgaus" war ein Ausflug nach Rüdersdorf, um gegen einen Neonaziaufmarsch zu protestieren. Im Sprechchor riefen sie: "Was gibt der deutschen Jugend Kraft? Apfelsaft, Apfelsaft". Jonas findet es besser, über Rechtsextreme zu lachen, als sie zu ignorieren.

Allerdings habe er etwas "Muffensausen" vor der geplanten "Gautour", gesteht der 19-Jährige. "Zu zweit ist es schon etwas anderes." Bei den Gegendemos sei man von der Polizei gut abgeschirmt. Der Marsch über den Marktplatz in Beeskow ist für Jonas und Willy denn auch ein Testlauf. Passanten bleiben stehen und beobachten die Schüler in Uniform. Ein Teenager bremst mit seinem Fahrrad: "Das finde ich voll gut", meint er. Es gebe viel zu Wenige, die etwas gegen Rechts unternehmen. Eine Frau mit gestreifter Bluse lacht erleichtert, sie habe die Jungen erst für Rechtsextreme gehalten: "Dann habe ich den Apfel entdeckt und war irritiert."

Doch offensichtlich finden nicht alle die Aktion lustig. Vor einem Imbiss sitzen zwei bullige Männer mit Tätowierung und verfolgen das Treiben mit grimmigem Blick. Als sie einen Fotografen entdecken, verstecken sie ihr Gesicht. Den Schülern wird etwas mulmig zumute. Deshalb hoffen sie auf Verstärkung. Wenn sie in der näheren Region mindestens 30 Aktivisten zusammenhaben, wollen sie in Beeskow regelmäßig Aktionen auf dem Marktplatz starten. "Mit 30 Leuten sieht das auch viel besser aus", sagt Willy.

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