Brandenburg : Willkommen im Land der abgehärteten Seelen

Sie essen, um satt zu werden. Sie schweigen, um sich zu verstehen. Die Brandenburger sind arbeit- und genügsam. Ihre Heimat ist eine Überdosis Dorf. Eine Erkundung.

Antje Rávic Strubel
Strohrollen auf einem abgeernteten Getreidefeld nahe Jacobsdorf im Landkreis Oder-Spree, dahinter die unvermeidlichen Windräder.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Patrick Pleul/Z
14.09.2014 11:58Strohrollen auf einem abgeernteten Getreidefeld nahe Jacobsdorf im Landkreis Oder-Spree, dahinter die unvermeidlichen Windräder.

Wenn ich im Ausland gefragt werde, woher ich komme, sage ich: Berlin. Erstens stellt sich mit dem Gesprächspartner sofort eine Gemeinsamkeit her (alle wollen nach Berlin). Zweitens möchte ich nicht mit jedem, der mich fragt, so viel Zeit verbringen, wie eine Erklärung zu Brandenburg dauert: Brandenburg ist der Landstrich, in dem es mehr Sand als Menschen gibt und mehr Seen als Städte, in dem man Radio für Erwachsene hört, Weißwein aus dem Tagebau trinkt und im Sherry badet. Drittens möchte ich nicht, dass Potsdam so überlaufen wird, wie es die Prognosen zum Bevölkerungszuwachs unheilvoll verkünden.

An den Rändern droht Berlin schon in Potsdam überzugehen, so wie die Berliner ins Potsdamer Umland übergehen, im Sommer nämlich, wenn sie ihre überdimensionierten Jachten in die Potsdamer Gewässer hineinlenken oder mit Pilzkörben in den Sacrower Wald einfallen. Bekommen sie Kinder, wollen sie „rausziehen“, was klingt, als würden sie sich von da an ununterbrochen im Freien aufhalten. Um diese Interpretation zu untermauern, wurden Kindergärten erfunden, in denen die Kleinen bei jedem Wetter den ganzen Tag im Wildpark verbringen. Hier trainieren sie ihre Naturverbundenheit, die ihnen in der Großstadt entgeht. Das wiederum bringt meine ausländischen Gesprächspartner auf den Gedanken, Potsdam sei die Hauptstadt einer Wildnis, in der es noch Wölfe und Mücken gibt, was ich auf einer österreichischen Skipiste von einem Münchner zu hören bekam. Und zugegeben: Zwischen Elbe und Oder gibt es viel Nichts. Das wurde allerdings saniert und ist für durchradelnde Touristen schön anzuschauen. Es hält die Betreiber der Stadtcafés am Leben und rechtfertigt den Betrieb von 11 bis 16 Uhr geöffneter Touristenbüros auf sonst leeren Marktplätzen. Hinter denkmalgerecht sanierten Stadtmauern ragen graffittibesprühte Fabrikruinen gebrochen authentisch in den diesigen Sommerhimmel.

Brandenburg: Ein Land in Bildern
Strohrollen auf einem abgeernteten Getreidefeld nahe Jacobsdorf im Landkreis Oder-Spree, dahinter die unvermeidlichen Windräder.Weitere Bilder anzeigen
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14.09.2014 11:58Strohrollen auf einem abgeernteten Getreidefeld nahe Jacobsdorf im Landkreis Oder-Spree, dahinter die unvermeidlichen Windräder.

Mit offenem Verdeck über die Dorfstraße

So geht der Brandenburg-Blues: Sie setzen sich ins Auto und ziehen sich die Landschaft rein. Sie öffnen das Sonnendach, die Musik volle Pulle und dann ab auf die Dorfstraßen. Sie halten zu auf einen Horizont, an dem die weißen Schwingen der Windräder kratzen. Die blaue Kornblume wird vom roten Klatschmohn abgelöst, gelb knallt der Raps dazwischen. Das ist stetig unterlegt mit dem Blättergeflacker des grünen Lichts, das von dichten Alleebaumkronen gefiltert auf die schmalen Alleen fällt. Sie fahren an verfallenen Scheunen und aufgemotzten Garagen vorbei. Ein Storch hebt ab. Im Rinnstein hockt ein Junge mit Zigarette, zwischen den Beinen kein Bier, sondern eine Flasche Coca Cola, die im Nachbardorf abgefüllt wurde, im Gewerbegebiet mit Containerbauten und Tankstellen und Billigmärkten, und zu Sonnenuntergang sehen Sie Pferde in Schilfgürteln stehen und einen Stier, der eine ganze Wiese allein begrast, und in der Ferne scheint ein Herrenhaus so barock wie die Sonne im Rückspiegel auf. Das ist der Blues der Unsentimentalen. Befeuert von Korn, nicht von Cognac.

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