Braunkohletagebau : Lausitz: Die Wunden der Erde

Immer wieder bewegt sich der Boden in der Lausitz, tun sich Löcher auf. Der Braunkohletagebau hat das Erdreich instabil gemacht. Dabei soll hier doch ein riesiges Seengebiet entstehen und Touristen anlocken.

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„Das waren furchtbare Laute“, erzählt der Schäfer Thomas Muche, als sich plötzlich die Erde auftat. 83 Schafe versanken in den Fluten, er konnte sich retten.Alle Bilder anzeigen
Foto: ADAC Luftrettung GmbH
18.12.2010 10:28„Das waren furchtbare Laute“, erzählt der Schäfer Thomas Muche, als sich plötzlich die Erde auftat. 83 Schafe versanken in den...

Etwa 30 Sekunden vor dem Ziel begann Reiner Langer sich zu wundern. „Es kommt keiner an den Fahrer heran“, hörte er über Funk. Langer saß im ADAC-Rettungshubschrauber „Christoph 33“ und flog vom brandenburgischen Senftenberg in Richtung Sachsen. Sieben Minuten zuvor hatte er auf seinem Alarmmelder gelesen „Lkw von Müllkippe gerutscht“, kurz darauf war er in der Luft.

Gleich hinter der Landesgrenze, im Dörfchen Bergen bei Hoyerswerda, bot sich Langer und seinem Rettungsteam ein surrealer Anblick. „Von wegen Müllkippe – eine riesige Fläche Wasser und Schlamm waberte da“, erzählt er. „Bäume trieben mitsamt Erdreich dahin, an vielen Stellen sprudelte Wasser bis fünf Meter hoch. Mehrere Lkw versanken gerade in der Brühe. Auf einem umgekippten Laster stand ein Mann und schrie um Hilfe.“

Nur wenige Zeitungen berichteten über die dramatischen Ereignisse an diesem 12. Oktober 2010 im einstigen Tagebau Spreetal, wo etwas geschah, was nicht hätte geschehen dürfen: 4,5 Millionen Kubikmeter Erde waren ins Rutschen geraten – Land, das als sicher galt. Doch an diesen Oktobertagen schaute alle Welt nach Chile, zu den Bergleuten von San José.

Bergleute wussten immer, dass sich die Erde nicht ungestraft durcheinanderbringen lässt, dass sie immer wieder Opfer fordert, ob in Chile, Neuseeland oder in der Lausitz. Die Verwunderung ist dennoch jedes Mal wieder groß: am 18. Juli 2009 in Nachterstedt beispielsweise, als ein 350 Meter breiter Landstreifen nebst Wohnhäusern und Straße in den Concordiasee stürzte und drei Menschen in den Tod riss. Oder im thüringischen Schmalkalden, wo sich kürzlich ein Loch auftat.

Im Braunkohletagebau wird die Gefahr vom Menschen gemacht, sagt Winfried Böhmer. In Nachterstedt war das so. Und in Spreetal auch.

Böhmer kennt sich aus. Der 67-Jährige hat lange im Kraftwerk Vetschau gearbeitet, stand aber dennoch – oder deshalb – der Energiegewinnung durch Braunkohle schon in der DDR kritisch gegenüber. Böhmer wurde Gründungsmitglied der Grünen Partei der DDR. Heute ist er für den Naturschutzbund Deutschland aktiv.

Böhmer glaubt, dass der Erdrutsch vom 12. Oktober durch sogenanntes Setzungsfließen ausgelöst wurde. Das Phänomen ist lange bekannt: Im Braunkohletagebau werden die Sandböden über der Kohle abgetragen und – nachdem der Bagger das natürlich gewachsene, feste Erdreich mit den Wasseradern zerstört und die Kohleschicht abgebaut hat – wieder in die Grube geschüttet.

So entstehen die Kippen: feinkörnige, instabile Sandhalden. Wenn die sich mit Wasser vermischen, verlieren sie ihre Konsistenz und fließen zu tiefer gelegenen Punkten, wie etwa im einstigen Tagebau Spreetal in den benachbarten See.

„Sand ist einer der geheimnisvollsten Stoffe überhaupt“, sagt Gerd Gudehus, emeritierter Professor und langjähriger Leiter des Instituts für Bodenmechanik der Universität Karlsruhe: „Selbst Physikern gibt er nach wie vor Rätsel auf.“

So kommt es immer wieder zu verhängnisvollen Fehleinschätzungen. In Nachterstedt hatte sich eine Kippe gelöst, die vor 1927 aufgeschüttet und später bebaut worden war. Obwohl in neuerer Zeit unterirdische Dämme gegen das Setzungsfließen errichtet werden und das Erdreich durch Sprengungen oder Rütteln verdichtet wird, reagiert der Sand unberechenbar. „In der Lausitz sind ja nicht zum ersten Mal Flächen weggerutscht, die längst als sicher galten“, sagt Winfried Böhmer: „Darauf wurde schon geradelt und geskatet, Mais angebaut und gejagt. Es war Land, das verkauft und zur Nutzung freigegeben worden war.“

„Zur Zwischennutzung“, präzisiert Uwe Steinhuber. Er ist seit elf Jahren Sprecher der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft, kurz LMBV. Sie wurde gegründet, um das Erbe der DDR in Sachen Braunkohle anzutreten. Jedenfalls jenes Erbe, das keinen Gewinn mehr versprach. Immerhin war die DDR in den 80er Jahren der größte Braunkohleförderer der Welt. 39 Tagebaue gab es Anfang der 90er in der Lausitz und in Mitteldeutschland. Nur sieben davon, nämlich jene, die auch künftig noch genügend Kohle versprachen, wurden von Energiekonzernen gekauft, fünf gehören heute Vattenfall. Der Rest wurde teilweise abrupt stillgelegt und der LMBV aufgehalst. Damit ist der Bund zuständig, und der Steuerzahler bezahlt.

„Die rasche Stilllegung und Sanierung war eine nie dagewesene Situation, eine gewaltige Aufgabe“, sagt Steinhuber. Der 47-jährige Berliner hat sein Büro im neunten Stock des Verwaltungsgebäudes der LMBV in Senftenberg. Von dort oben kann er auf einen Teil des „Lausitzer Seenlands“ blicken, auf die Schokoladenseite seines Jobs sozusagen, denn durch die Flutung stillgelegter Braunkohlegruben soll bis 2018 Europas größte künstliche Wasserlandschaft entstehen. Hier hoffen die Menschen auf den Tourismus. Und zugleich ist der Glaube an eine wieder intakte Landschaft jetzt erschüttert.

Zum Beispiel beim Schäfer Thomas Muche. Er hatte an jenem 12. Oktober seine Herde geteilt. 83 Schafböcke standen mehrere hundert Meter entfernt auf einem Hügel. 265 weibliche Tiere weideten vor ihm, während er auf der Ladefläche seines Pick-ups saß, den handgeschnitzten Schäferstab neben sich. Plötzlich hörte er ein Dröhnen und erschrak: „Das waren furchtbare Laute, irgendwie grollend und ächzend, und dann sah ich, wie das Land in Bewegung geriet“, erzählt er.

Der Hügel, auf dem die 83 Schafböcke standen, löste sich auf, aber das nahm Muche nur nebenbei wahr. Er hatte andere Sorgen: Der kleine Bergener See schwoll plötzlich an, als sich die Erde in ihn hineinschob. „Es war wie ein Tsunami“, sagt Muche: „Auf einmal kam das Wasser auf mich zu. Ich bin mit dem Pick-up losgerast, Richtung festes Land.“ Die Schafe mussten sich selbst helfen, viele versanken.

Inzwischen haben sich Sächsisches Oberbergamt und LMBV zu den Ursachen der gigantischen Rutschung geäußert. Eine „Verkettung unglücklicher Umstände“ sei es gewesen: starke Regenfälle und damit verbundener Grundwasseranstieg sowie Erdarbeiten auf dem anliegenden Gelände sollen den Abgang der Erdmassen ausgelöst haben.

Das bisherige Sanierungskonzept sei aber nicht infrage gestellt, sagt der Sachverständige für Geotechnik, Michael Dennhardt. Es fuße auf Erkenntnissen, die in den 80er Jahren von der Forschungsgruppe Setzungsfließen gewonnen wurden. Für die komplexe Sanierung standen aber erst nach 1990 die Mittel und Technologien zur Verfügung. Dennhardt glaubt, dass die Sicherungsmaßnahmen, die jetzt in den Kippengebieten ausgeführt werden, solche Katastrophen in Zukunft ausschließen. Bis März 2011, sagt der Sprecher des sächsischen Oberbergamtes, Peter Horler, soll geprüft werden, ob die Kippen wieder freigegeben werden können.

Einer der wenigen Kritiker der Zwischennutzung ist ein Urgroßneffe des berühmtesten Landschaftsgestalters aus der Lausitz, der Münchner Unternehmer Hermann Graf von Pückler. Er ist es aus Erfahrung. Eines Nachts hatte er auf einer sanierten und zur Jagd freigegebenen Fläche im einstigen Tagebau Seese-West bei Calau ein Reh geschossen. Als er es bergen wollte, tat sich unter seinen Füßen die Erde auf. „Der Riss war nicht sehr breit, aber schon sehr tief.“

Dem Grafen kam das suspekt vor. Er fotografierte die Spalte und informierte die LMBV, doch die habe nicht reagiert, sagt er. „Und ein Jahr später rutschten genau dort 27 Hektar Erde ab. Das Gelände wurde abgesperrt und nur die Besitzer benachrichtigt. Erst als nach weiteren sechs Monaten ein Cottbuser Stadtrat im Braunkohlenausschuss das Thema ansprach, erfuhr die Öffentlichkeit davon.“

Der Graf glaubt zu wissen, warum sich die Landschaftsverwalter bedeckt halten. Mehr Sicherheit bedeute höhere Kosten, sagt er. Nicht nur, dass auf sanierten Flächen kein gesunder Wald wachsen würde und die Wasserqualität der neuen Seen katastrophal sei. „Noch schlimmer ist die Behauptung, man könne auf großflächigen Rekultivierungsarealen den Grundwasserstand metergenau einstellen und kontrollieren. Das ist gelogen. Genau das lässt die Natur nicht zu.“

Tatsächlich ist nach Ansicht vieler Experten die Wiederherstellung eines funktionierenden Wasserhaushalts das größte Problem. Um die Kohle trocken abbauen zu können, hatte der Grundwasserspiegel in den vergangenen Jahrzehnten künstlich abgesenkt werden müssen. Als die Pumpen abgeschaltet wurden, stieg das Grundwasser wieder, viel schneller als erwartet. In der Lausitz stehen tausende Keller unter Wasser, die Standsicherheit vieler Häuser ist gefährdet, ganze Stadtteile sind bedroht.

Es wendet sich im neuen Seenland also nicht alles zum Guten, und die Zweifel wachsen. „Ob man noch sagen kann, dass Braunkohleabbau sich rechnet?“, fragt Winfried Böhmer. Er denkt dabei an die von Vattenfall fortgeführten Tagebaue. Inzwischen gehe es nicht nur um Umweltverschmutzung oder umgesiedelte Dörfer, sagt er, sondern auch um die Angst, die geologischen und hydrologischen Folgen Jahrhunderte lang nicht in den Griff zu bekommen.

Als Rettungspilot Reiner Langer an jenem 12. Oktober die Abrutschstelle in Spreetal erreichte, fragte er sich, wie er an den Lkw-Fahrer herankommen sollte. Landen konnte er in dem Sumpf nirgends. „Ich hol’ ihn mit dem Stehhaltegurt raus“, sagte sein Rettungssanitäter René Märten und legte sich das Sicherheitsgeschirr an, das aus der Wasserrettung kommt. Sie hatten es erst kurze Zeit an Bord. Mit ihm konnte Märten sich dem Mann entgegenstrecken. Langer setzte mit einer Kufe des Hubschraubers auf dem Lkw auf, der Sanitäter zog den Fahrer in die Kabine. Vielleicht, sagen sie, brauchen sie den Stehhaltegurt künftig öfter.

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