Der Tagesspiegel : Brutaler Mord aus bloßem Verdacht

Ein Obdachloser sollte ein Kind missbraucht haben Dafür musste er sterben. Die Täter zeigen keine Reue

Sandra Dassler

Cottbus – Als die Vollzugsbeamten dem Angeklagten beim Verlassen des Cottbuser Landgerichts die Handschellen anlegen wollen, müssen sie warten. Eine Frau umarmt und küsst Olaf Sch., den sie einen Tag vorher, am Mittwoch, im Gefängnis geheiratet hat. Die Frau streichelt auch seine Hände – Hände, mit denen der 47-jährige Mann am 4. Dezember vergangenen Jahres Dinge getan haben soll, die kaum vorstellbar und schwer zu beschreiben sind: Laut Anklageschrift hat Olaf Sch. an diesem Sonntag in seiner Heimatstadt Forst den 55-jährigen Obdachlosen Bernd R. zunächst eine schwere Kopfverletzung zugefügt und ihm ein Ohr abgeschnitten. Dann soll er sein bewusstloses Opfer mit mehreren Messerstichen ins Herz getötet und ihm schließlich das Geschlechtsteil abgetrennt haben. Der Versuch, dem Toten auch den Kopf abzuschneiden, sei misslungen, vermutet die Staatsanwaltschaft.

Die klaffende Halswunde ist ebenso wie die anderen Verletzungen gut dokumentiert. Enrico T., ein 36-Jähriger aus Cottbus, hat die Tat mit einer Digitalkamera aufgenommen. Die Polizei fand die Bilder in seiner Wohnung, als sie nach den Tätern suchte. Jetzt sitzt T. neben Sch. auf der Anklagebank des Cottbuser Landgerichts, vor der der Mord verhandelt wird.

Die beiden Männer hatten sich ihren Angaben nach im Gefängnis kennengelernt. Wenige Tage nach seiner Entlassung erfuhr Olaf Sch. von seiner ehemaligen Frau, dass ein „Penner“ seinen sechsjährigen Sohn sexuell missbraucht habe. Die Frau verdächtigte das spätere Opfer Bernd R., der aus Berlin stammen soll und in einem Obdachlosenheim in Forst lebte – alkoholabhängig und psychisch krank. Olaf Sch. lockte den Mann in seine Wohnung, versprach ihm Bier und Schnaps und begann, mit ihm zu trinken. Sein Freund Enrico T. fotografierte das Opfer heimlich und eilte mit den Fotos zur Ex- Frau seines Kumpans. Sie und ihr kleiner Sohn sollten bestätigen, ob das „der Mann“ sei. Mit der Botschaft, er sei es, kam T. in die Wohnung zurück. Vor Gericht sagte er aus, sein Freund Olaf sei nun in einen richtigen Blutrausch gefallen, während er selbst nur fotografiert habe.

Olaf Sch. schwieg lange im Prozess. In dieser Woche überraschte er das Gericht und vor allem Enrico T. mit der Aussage, dass dieser keineswegs nur fotografiert, sondern dem Opfer die tödlichen Stiche in den Oberkörper versetzt habe. Er selbst, sagte Sch., habe Bernd R. „nur das Ohr und den Penis abgeschnitten“.

Reue hat noch keiner der beiden Angeklagten, die in Jeans und Turnschuhen im Gerichtssaal sitzen, erkennen lassen. Sie bestreiten auch, dass sie den Mann töten wollten. „Eigentlich“, sagte T, „wollten wir dem R. nur eine Abreibung verpassen“. Dass es ein Mord wurde, habe wohl am vielen Alkohol gelegen.

Sollten die Angeklagten bei dieser Darstellung bleiben, dürfte ihnen ein Vorsatz schwer nachzuweisen sein. Zwar hatte sich ein Zeuge bei der Polizei erinnert, dass der Olaf Sch. über das spätere Opfer gesagt habe: „Den bringe ich um.“ Vor Gericht sagte der Zeuge aber, es sei nur von „Plattmachen“ die Rede gewesen.

Verwandte oder Freunde des Opfers sitzen nicht im Gerichtssaal. Bernd R. lebte offenbar seit vielen Jahren isoliert. Er wurde kurz nach Weihnachten vergangenen Jahres auf dem Forster Hauptfriedhof beigesetzt.

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