Der Tagesspiegel : BSE: Kräht bald kein Hahn mehr?

Claus-Dieter Steyer

Der Zufall hat den schwarzen Peter dem kleinen Dorf Hertefeld zugeschoben. Wie ein böser Fluch liegen die Buchstaben BSE über dem Ort im Havelland, nachdem in einer hier heimischen Rinderherde die unheimliche Krankheit nachgewiesen wurde.

Der Bürgermeister ahnte schon am Tag der bösen Nachricht nichts Gutes. Möglicherweise habe es nun die Landwirtschaft ganz schwer. Andere im Ort sprachen gleich vom schlimmen Ende. Denn selbst nach der Tötung aller 449 Tiere im Stall der kranken Kuh sei Hertefeld gebrandmarkt. Da könnten sich der Betrieb und dessen Nachbar noch so sehr um neues Vertrauen mühen.

Das Schicksal dieses Ortes weist auf eine in der BSE-Diskussion wenig beachtete Auswirkung hin. Es geht in den Dörfern mit der einst prägenden Erwerbsform weiter bergab. Schon lange kräht in vielen Gemeinden kein Hahn mehr. Besonders im Berliner Umland vollzogen sich im vergangenen Jahrzehnt dramatische Veränderungen. Wo einst Kartoffeln angebaut, Getreide geerntet oder Tiere zur Weide geführt wurden, stehen heute Wohnparks, Gewerbegebiete, Golfplätze, Hotels oder Einkaufszentren. Meist räumten die Bauern freiwillig den Acker und ließen sich die Felder vergolden. Mitunter mussten sie aber auch zwangsweise ihre Höfe aufgeben. So mancher Städter, der wegen des Grüns aufs Land gezogen war, beschwerte sich später über den Geruch vom Stall gegenüber. Meist zog der Landwirt den Kürzeren.

Die Folgen dieser Entwicklung liegen auf der Hand. Die Zahl der in der Landwirtschaft beschäftigten Brandenburger sank von etwa 180 000 im Jahre 1990 auf jetzt rund 36 000. Jugendliche machen auf der Suche nach Lehrstellen oft einen Bogen um Agrarbetriebe. "Zu schwer, zu wenig Geld und zu unsicher", lauten die Begründungen. Das letztgenannte Argument dürfte durch die BSE-Krise schwer zu entkräften sein. Also ziehen die jungen Leute weg. Die Dörfer vergreisen - ohne Kneipe, Laden, Jugendklub, Gemeindeamt, Kindergarten, Schule - und letztlich ohne Bauernhof.

Das könnte den Städter alles ziemlich kalt lassen, wie er sich ja auch von der BSE-Krise nicht übermäßig beunruhigen lässt. Er greift einfach zum Schwein und zum Wild oder wandelt sich zum Vegetarier. Warum auch sollte er sich um die Veränderung in der Landschaft kümmern? So schnell geht schließlich die Versteppung, Austrocknung und Verkrautung der Landschaft gar nicht vor sich. Doch offensichtlich hält sich auch sonst die Sorge um die Dörfer in Grenzen.

In der Landesregierung gibt es nur ein Ministerium für Stadtentwicklung. Vielleicht könnte Hertefeld Anlass für ein Umdenken insgesamt sein, nicht nur im Umgang mit Rindern. Sonst kräht irgendwann gar kein Hahn mehr, zumindest nicht in unserer Umgebung.

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