Buch-Tipps : Neuer Stoff

Hier finden Sie Rezensionen von Neuerscheinungen.

Matthias Meisner

Franz Walter u. a. (Hrsg.):

Die Linkspartei. Zeitgemäße Idee oder Bündnis ohne Zukunft? Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007. 345 Seiten, 26,90 Euro.

Es mangelt an Büchern über die Linkspartei. Zuletzt ernsthaft hat sich der Historiker Christian von Ditfurth 1998 unter dem Titel „Ostalgie oder linke Alternative“ der PDS gewidmet. Fast zehn Jahre später, deren Vereinigung mit der WASG zur neuen Partei „Die Linke“ steht kurz bevor, wendet sich der Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter dem im Osten geborenen Wesen zu, das sich verspätet anschickt, zur gesamtdeutschen Partei zu werden. Zu seinem Autorenkollektiv gehören vor allem seine Studenten, und die haben kurz vor dem Vereinigungsparteitag am kommenden Wochenende in Berlin eine Fleißarbeit vollbracht. Akribisch haben sie untersucht, wie alles anfing mit der Protestpartei WASG, die die Vorlage bieten sollte für den gemeinsamen Wahlantritt des früheren SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine und des ehemaligen PDS-Chefs Gregor Gysi bei der vorgezogenen Bundestagswahl 2005. Doch sind Walter und seine Mitautoren bei dieser Analyse auf halbem Weg stecken geblieben. Sie beschreiben zwar detailliert, welche Treffen der späteren WASG-Gründung vorausgingen, lassen aber die entscheidende Perspektive aus – die Kopfgeburt von Lafontaine und Gysi. Die nämlich hatten sich schon vor Gerhard Schröders überraschender Neuwahlankündigung über ihren eigenen Überraschungscoup verständigt, der für die weitere Entwicklung zur Partei „Die Linken“ wesentlich wichtiger werden sollte als die Bewegung „von unten“. Dass die WASG nur ein paar Tausend Mitglieder hat, die neue Linke mithin bis heute eine PDS plus Lafontaine ist, wird nicht hinterfragt, auch das ambivalente Verhältnis zu den Gewerkschaften kaum thematisiert. Weitere Schräglagen der Analyse ergeben sich, wenn es um das politische Personal des Parteienbündnisses geht – so gilt etwa der im Geschäft der Partei praktisch nicht mehr bedeutende André Brie für die Autoren als „Vordenker“, der in der PDS und künftig auch in der Linkspartei als Bundesgeschäftsführer einflussreiche Dietmar Bartsch kommt im Tableau der Macher hingegen gar nicht vor. Ehrlich ist wenigstens, dass der Titel des Walter-Buches mit einem Fragezeichen endet – um die Antwort auf die Frage nach der dauerhaften Verankerung des Lafontaine-Gysi-Bündnisses im Westen mogeln sich die Wissenschaftler lieber herum. Von Matthias Meisner

 

Manfred Brocker:

Geschichte des politischen Denkens. Ein Handbuch. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 862 Seiten, 20 Euro.

Selten waren Begeisterungsrufe so angebracht wie im Falle dieser hervorragenden Kompilation. Der mehr als 800 Seiten umfassende Band vereint in sich alles, was Rang und Namen hat, sowohl was die behandelten Werke, deren Urheber als auch die prominenten Rezipienten betrifft. Ein echter Knüller, wenngleich vom Umfang her etwas barock gestaltet, der selbst hohe Erwartungen zu erfüllen vermag. Mehrbändige Sammeleditionen der Klassiker des politischen Denkens, die uns eine Auswahl erleichtern sollen, gibt es mittlerweile in Hülle und Fülle. Die meisten dieser Enzyklopädien des politischen Räsonierens sind eher autorenlastig oder orientieren sich vordergründig an Leitideen bestimmter Epochen beziehungsweise davon abstrahiert an politischen Theorien. Eine deutschsprachige Darstellung, die einzelne Werke in den Vordergrund der Betrachtung rückt, gab es bisher nicht. Manfred Brocker, selbst Ideengeschichtler, hat jedoch eine fast quintessenzielle Auswahl an Klassikern getroffen und eine handverlesene Autorenschaft damit beauftragt, hochkarätige Meisterwerke des politischen Denkens vor ihrem jeweiligen Entstehungshintergrund zu skizzieren. Außer einer kurzen einleitenden Werkgeschichte werden zumeist prägnante Informationen zum jeweiligen Autor und weiterführende Literaturhinweise dargeboten. Es bestanden an die Autoren offenbar keine Vorgaben, was denen zwar Freiheiten gewährt, eine übergreifende strukturelle Einheitlichkeit allerdings vermissen lässt. Dies ändert jedoch nichts daran, dass auf sämtliche der präsentierten „epochemachenden“ Bücher das Attribut eines Klassikers zutrifft. Den Anfang macht der stets neu zu lesende „Staat“ Platons, von Barbara Zehnpfennig übrigens glänzend in Szene gesetzt. Otfried Höffe porträtiert gekonnt die aristotelische „Politik“ und Herfried Münkler nimmt Machiavellis Fürsten nochmals unter neuen Gesichtspunkten virtuos unter die Lupe. Der Spannungsbogen reicht von Bodins „Sechs Büchern über den Staat“, Montesquieus „Geist der Gesetze“ über Hobbes’ „Leviathan“ und Lockes „Zwei Abhandlungen über die Regierung“ bis zu den Klassikern der Aufklärung und schließlich zu Marx’ „Kapital“. Auch zu Unrecht häufig vernachlässigte Großtaten des politischen Denkens wie Carl Schmitts „Begriff des Politischen“, Antonio Gramscis „Gefängnishefte“, Eric Voegelins „Neue Wissenschaft der Politik“ und Leo Strauss’ „Naturrecht und Geschichte“ werden von einschlägigen Spezialisten nun einer breiten Leserschaft vorgestellt. Besonders erwähnenswert ist die Darstellungen einiger postmoderner Texte, die vollkommen berechtigt in diesen Kanon der großen Abhandlungen politischer Geistesgeschichte aufgenommen wurden: „Die Risikogesellschaft“ von Ulrich Beck, die Habermas’sche Schrift „Faktizität und Geltung“ sowie „Demokratie im Zeitalter der Globalisierung“ von Otfried Höffe. Den Abschluss bildet Martin Saars brillante Analyse von „Empire“, dem wuchtigen, globalisierungskritischen Pamphlet von Michael Hardt und Toni Negri. Trotz der unglaublichen Fülle der behandelten Werke fällt es nicht schwer, den Überblick zu behalten. Insgesamt ein aufregender Sammelband mit dem Potenzial, selbst zu einem Klassiker zu avancieren. Von Nicolas Stockhammer