Der Tagesspiegel : Buddha-Fahrt zu Wilhelm Pieck

Mehr als 3000 Gläubige aus aller Welt treffen sich am Werbellinsee. Die Stimmung ist entspannt – solange kein Fremder kommt

Nicole Diekmann

„Heruka-Ermächtigung“ heißt die gerade beendete Veranstaltung im Wochenplan. „Es geht ans Herz, wenn man da drinnen sitzt“, sagt Sigrid Prymek, 53 Jahre alt und eigens aus Oberhausen zum Buddhisten-Treffen an den Werbellinsee gereist. Was genau in den vergangenen zwei Stunden passiert ist, kann sie nicht sagen, aber im Tempel habe sie zu der Ruhe gefunden, die sie seit neun Monaten im Buddhismus suche, sagt sie.

Einen ruhigeren Ort als den in den Wäldern der Schorfheide gelegenen Werbellinsee hätten die Buddhisten kaum finden können. Früher, als die „Europäische Jugenderholungs- und Begegnungsstätte“ noch „Pionierrepublik Wilhelm Pieck“ hieß, wurden hier Pioniere für ein erfülltes sozialistisches Leben gestählt. Ein vier- oder sechswöchiger Aufenthalt hier, wo der Badestrand gleich neben der üppig ausgestatteten Schule war, galt als Auszeichnung für gute Leistungen in Schule und Gesellschaft. Seit Mittwoch veranstalten die Kadampa- Buddhisten hier eine Woche lang ihr bisher größtes Festival in Deutschland.

Sie gelten als verschlossen, aber die Anmeldung am Telefon war kein Problem: „Kommen Sie vorbei, wir freuen uns!“, hieß es. „Kommen Sie, schreiben Sie!“

Samstagvormittag am Festival-Büro ist alles still, aber die Türen stehen offen. Völlige Arglosigkeit, scheinbar. Die aktuelle Veranstaltung findet unten am See statt, im Tempel, wie die ausliegenden Wochenpläne verraten. Der Weg dorthin führt vorbei an Wiesen mit weißen, zweigeschossigen Häusern, zwischen denen Zelte stehen: Mehr als 3000 Gäste aus aller Welt sind angereist, hat Beatrice Anniés erzählt, die Geschäftsführerin der Begegnungsstätte. Dafür reichen die Betten hier nicht aus.

Pfeile weisen den Weg hinunter. Eine Frau kommt vorbei, Isabelle heißt sie. Die 67-jährige Französin hat den Tempel vorzeitig verlassen. „Meine Übersetzung hat nicht funktioniert“, sagt sie und deutet auf die Kopfhörer in ihrer Hand. Eigentlich sollen die Ansprachen von Geshe Kelsang Gyatso, dem „spirituellen Meister“ des Kadampa-Buddhismus, wie seine Anhänger ihn nennen, in neun Sprachen übersetzt werden. Die Technik hat wohl gestreikt, aber Isabelle hat eine andere Erklärung: „Ich bin wohl noch nicht reif. Ich beschäftige mich ja erst seit einem halben Jahr mit dem Buddhismus.“

Ein paar Meter weiter am Kiosk plauschen Walter Mielke und Olaf Förste. Mielke betreibt die Bude und mag die derzeitigen Gäste: „Es ist ruhiger, als wenn Schulklassen hier sind.“ Förste aus dem Nachbardorf Buckow sagt: „Als wir erfahren haben, dass die Buddhisten kommen, haben wir gelacht. Aber die sind alle so nett, die grüßen sogar, ohne einen zu kennen.“ Und freundlich zu seinem Hund seien die Besucher auch.

Der Tempel ist ein riesiges weißes Zelt mit Zaun drumherum und einem freundlichen Security-Mann vor dem Eingang, der die Taschen kontrolliert. Vorn auf der Bühne neben der Videoleinwand sitzt Geshe Kelsang Gyatso und redet leise. Fast alle der etwa 1000 Plätze sind besetzt. Vereinzelt sieht man die typischen rasierten Köpfe, hier und da eine gelb-rote Mönchskutte, aber überwiegend Straßenoutfits: Jeans und Turnschuhe. Allen Zuhörern gemein ist der entspannte Gesichtsausdruck.

Nun ist Pause bis zum Mittagessen, man geht zum See, zum Eiswagen und in die verschiedenen Cafés, die das Festivalbüro eingerichtet hat. Das ist nun wieder besetzt. Ein deutscher Mönch kümmert sich gerade um zwei Besucher, die sich auf der Gästeliste nicht wiederfinden. Die Stimmung wird gereizt, als sich herausstellt, dass das Büro vorhin nicht aus unerschütterlichem Urvertrauen verwaist war, sondern wegen eines Versäumnisses. Das bringt selbst einen Mönch in Rage. So sehr, dass ein Interview-Wunsch den Rauswurf zur Folge hat, telefonische Anmeldung hin oder her. Da habe ein Kollege wohl keine Ahnung gehabt, dass „wir hier keinen Wert auf Öffentlichkeit legen“, zischt er und geht. Der Polizist auf dem Weg zum Ausgang sagt, es gebe einen von der Festivalleitung „erwünschten“ Pressestab, andere Medien seien nicht zugelassen.

Vielleicht liegt es am Ruf des Kadampa-Buddhismus: Er werde von China unterstützt, heißt es, außerdem konkurriere das Oberhaupt mit dem Dalai Lama, dem bekanntesten Repräsentanten des Buddhismus. Falsche Anschuldigungen, hatten Festivalbesucher dazu gesagt. „Menschen sind automatisch misstrauisch gegenüber Fremdem, weil sie Angst haben,“ mutmaßte eine Besucherin aus Hamburg. So gesehen ist der Werbellinsee der ideale Ort für die Buddhisten: viel Ruhe, wenig Fremde.

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