Der Tagesspiegel : Bühne des Bösen

Die Folterbilder aus dem US-Gefängnis Abu Ghraib im Irak sind ein Schock

Christiane Peitz

Am 28. April erreichten die Folterbilder von Abu Ghraib die Weltöffentlichkeit, Anfang Mai wurden sie auch in deutschen Medien dokumentiert. Die schwangere US-Gefreite Lynndie England führt im irakischen Gefängnis einen nackten Häftling wie einen Hund an der Leine; andere Häftlinge, ebenfalls nackt, werden zu Leichenbergen drapiert; wieder ein anderer steht auf einer Kiste, mit ausgebreiteten Armen, einem Kapuzensack über dem Kopf und an den Händen befestigten Stromkabeln. Ecce Homo, eine Ikone: Die amerikanische Protestbewegung machte den Kapuzenhäftling zu ihrem Logo, das auf Plakaten und Häuserwänden firmierte – als Horrorbild des Wahljahrs 2004.

Ursprünglich kursierten die Amateuraufnahmen im Internet, die Soldaten posierten dort wie auf einem Ferienfoto fürs Familienalbum. In der privaten theatralischen Geste implodierte die Weltpolitik.

Saddams Kerker als amerikanisches Foltergefängnis: Was an den Bildern entsetzte, war nicht nur die Umkehrung von Unrecht und Recht, Böse und Gut sowie die Einsicht in die Scheinheiligkeit der Rede vom „sauberen“ Krieg. Der Schock von Abu Ghraib bestand auch darin, dass die Bilder uns so vertraut vorkamen. Der Gefangene auf der Kiste erinnerte an Jesus am Kreuz, die Inquisition, den KuKlux-Klan und die gotischen Kapuzenfiguren auf den Höllengemälden von Hieronymus Bosch. Abu Ghraib, das waren Dantes Inferno und die Perversionen des Marquis de Sade. Über die bis in Details verblüffende Ähnlichkeit mit Pasolinis Film „Saló oder die 120 Tage von Sodom“ ist viel geschrieben worden.

Dabei ist kaum anzunehmen, dass die – aus einfachen Verhältnissen stammenden – US-Soldaten die Kunstbilder vom Bösen kannten. Aber es gibt sie offenbar, selbst in den zivilisierten Gesellschaften des 21. Jahrhunderts: die Obszönitäten unserer Fantasie, ein nicht nur individuelles Unbewusstes, das sich etwa in Kriegszeiten Bahn bricht in die Realität. Die Lust am Quälen und Töten, die schamlose Machtgeilheit im Augenblick des Sieges, die rüde Gewalt, die unserer Sexualität innewohnt, bei Männern wie bei Frauen – all diese Exzesse sind keine Auswüchse kranker Fantasien, sie wurzeln vielmehr im Kern des Trieb(un-)wesens Mensch.

Seit Abu Ghraib wissen wir wieder: Die Hoffnung, dass nicht der Krieg, sondern die Kunst die Bühne des Bösen sei, ist ein frommer Wunsch.

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