Der Tagesspiegel : Bürokratie-Diskussion: Vertreibt eine "Neidkultur" Prominente aus Potsdam?

Michael Mara

Gibt es in Potsdam eine "Neidkultur", die prominenten Zuzüglern aus dem Westen das Leben vergällt? Sie gar dazu bringen könnte, der Sanssouci-Perle wieder den Rücken zu kehren? Modeschöpfer Wolfgang Joop hat das hässliche Wort aufgebracht - und damit prompt eine Diskussion ausgelöst: Seine Liebe zu Potsdam sei "abgekühlt", gestand er der "Bild"-Zeitung. Gründe seien "die engstirnige Potsdamer Bürokratie mit ihrer Neidkultur, die prominenten Bauherren das Leben erschwert." Auch die Schlösser-Stiftung bekam ihr Fett ab, weil sie am liebsten die neuen Ufervillen am Heiligen See - der bei Promis begehrtesten Wohnlage - "hinter Bäumen verstecken würde".

Joop hat inzwischen sogar Zweifel, ob es richtig war, rund 20 Millionen Mark in seine nach dreijähriger Umbauzeit gerade fertig gestellte pompöse Weiße Villa am Heiligen See zu stecken - mit direktem Blick aufs königliche Marmorpalais. In jedem Fall werde er nicht einziehen und stattdessen "weiter zwischen Potsdamer Hotel und seinen Wohnungen in Monaco und New York" pendeln, so Bild. Joops Einzug sei gar nicht vorgesehen gewesen, präzisiert sein Partner Edwin Lemberg, der in der Villa mit seinen Firmen Wunderkind Art und Lemberg PR für Joop als Dienstleister arbeiten wird. Doch davon abgesehen unterstreicht er die Kritik Joops an der Potsdamer Bürokratie. Es sei typisch, dass hier sonst übliche Ermessensspielräume prominenten Bauherren nicht zugebilligt würden, "was einer Diskriminierung gleichkommt".

Der Berliner Michael Schöne, seit Jahren einer der wichtigen Innenstadt-Investoren, kann diese Erfahrungen nur bestätigen: Viele Investoren hätten sich aus Potsdam schon zurückgezogen, auch er selbst habe sein Engagement in Potsdam wegen der bürokratischen Hindernisse eingeschränkt: "Uns ist die Lust vergangen." Potsdam werde ganz sicher eine "große Zukunft" haben, doch auf dem Weg dahin sei die Verwaltung derzeit "der größte Bremsklotz". Schöne, der sich mit dem Neu-Potsdamer Günther Jauch auch im Förderverein für den Wiederaufbau des Fortuna-Portals und des Schlosses engagiert, hat viele Beispiel für "Potsdam-typische Bürokratie" parat. Das vielleicht kurioseste: Mit dem Fortuna-Portal werden auch die Wendeltreppen originalgetreu wieder aufgebaut. Doch man wird sie nicht betreten können, weil sie nach jetzigen Stand bauaufsichtlich gesperrt werden: Der Durchmesser entspreche nicht den heutigen Normen für Querschnitte. Laut Schöne beträgt die Abweichung einige Zentimeter.

Oberbürgermeister Matthias Platzeck will den konkreten Fall prüfen lassen, die Kritik an der bürokratischen Stadtverwaltung so pauschal aber auf keinen Fall akzeptieren. Schon gar nicht will er die Behauptung gelten lassen, dass es prominente Bauherren in Potsdam wegen einer verbreiteten "Neidkultur" besonders schwer haben: In den letzten Jahren hätten zahlreiche Prominente in Potsdam gebaut. Ihm seien kaum Klagen, dafür aber immer wieder Lob zu Ohren gekommen. Verlegerin Friede Springer, die jüngst mit illustren Gästen ihr Haus in Potsdam eingeweiht hat, bestätigt dies: Sie sei nicht der Meinung von Joop und habe nur gute Erfahrungen mit der Verwaltung gemacht. Auch von der angeblichen "Neidkultur" habe sie nichts gespürt. Sie komme eher "unterschwellig zum Ausdruck", meint ein anderer Prominenter, der nicht genannt werden möchte. Beim von der Schlösserstiftung entfachten Streit um das Baden im Heiligen See zum Beispiel sei auch das Argument gekommen: Nicht nur Jauch und Joop dürften dieses Privileg genießen.

Dass es hin und wieder zu Misstönen mit Prominenten komme, liege auch an deren Erwartungshaltung, heißt es im Magistrat. Der Potsdamer Kunstmaler Alfred Schmidt, der seit Jahren am Heiligen See wohnt, bestätigt das: Die meisten Neu-Zuzügler am Heiligen See machten ihre Grundstücke am Ufer "platt": Keine Bäume, keine Sträucher, nur Rollrasen. Das Wort von der Neidkultur will Schmidt trotzdem nicht gelten lassen. Günther Jauch zum Beispiel fühle sich in Potsdam "wohler als in Berlin, weil die Leute hier lockerer sind". Ein neu zugezogener Medien-Prominenter bestätigt das: "Keine Neidkultur, aber viel Bürokratie, unter der wohl alle zu leiden haben."

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