Der Tagesspiegel : Buga: Die Besucher sind allein auf weiter Flur

Stefan Jacobs,Anna M,t

Als die Bundesgartenschau (Buga) in Potsdam eröffnet wurde, war fast noch Winter. In den vergangenen drei Wochen hat das Wetter aufgeholt, die Blumen sprießen, die Bienen brummen - nur die Buga brummt nicht. 14 706 Besucher täglich müssten bis zum Toresschluss am 7. Oktober kommen, damit die Rechnung der Veranstalter aufgeht. Doch bisher waren es nicht einmal halb so viele; die Buga-Gastronomie GmbH hat - wenn auch aus angeblich anderen Gründen - 35 ihrer einst 200 festangestellten Mitarbeiter entlassen. Woran liegt die Besucherflaute?

Stichprobe in einem Stuttgarter Reisebüro: "Nein, Fahrten zur Buga bieten wir gar nicht an." "Atlasreisen" in Neubrandenburg offeriert immerhin sonnabend eine Busfahrt für 59 Mark inklusive Eintritt. Besser sieht es im "Reiseland Wilhelmshaven" aus: Mit Bus oder Bahn, mit Übernachtung oder ohne, mit Supersparpreis oder BahnCard, am Wochenende oder werktags - fast alles geht.

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Die Bundesgartenschau in Potsdam In Potsdam selbst sind Straßen und Radwege gut beschildert; auch die Anfahrt klappt. Schon am Autobahndreieck Havelland steht ein Hinweis. Sobald eine S-Bahn im Potsdamer Hauptbahnhof ankommt, ertönt neuerdings eine Ansage zur Buga. Eintrittskarten, die auch in der Straßenbahn gelten, sind im Bahnhof zu bekommen. Die Bahn AG, die in ihren Zügen schon für frühere Gartenschauen warb und sich jetzt zeitgemäß "Official Carrier" nennt, hat laut ihrem Sprecher Andreas Fuhrmann in rund einer Million Faltplänen den Hinweis auf die Bundesgartenschau untergebracht. Sonderzüge setzt sie nicht ein, "weil wir auf dieser Strecke schon einen dichten Takt haben." Ab 10. Juni verspricht die Bahn einen täglichen Zug von Hamburg über Uelzen und Stendal nach Potsdam. Reisende kommen morgens planmäßig um 8 Uhr 38 in Potsdam an und werden abends um kurz nach sieben wieder abgeholt. Diese Zeiten sind optimal, sofern auf der Bundesgartenschau keine Abendveranstaltung steigt.

Das Akkordeonduo für Senioren ist eine typische, aber keine symptomatische Buga-Veranstaltung. Für etwas jüngere Leute gibt es eine "Spanische Nacht" mit Flamenco und gelegentliche DJ-Sets. Noch Jüngere können sich mit dem ewigen Adi austoben, der schon mit Millionen DDR-Kindern um die Wette rannte. Wem das alles spanisch vorkommt, der kann sich unter www.bugapotsdam2001.de über das tägliche Veranstaltungsangebot informieren, das durchaus über Schunkeln und Krach hinausreicht.

Bei den Veranstaltern herrscht wegen der lauen Besucherzahlen bisher keine Panik. Sven Tietze organisiert mit seiner Agentur die "Sparkassen-Glücksnacht". Dieser Name könnte durchaus Menschen fern halten; tatsächlich ist die Show aber mit Stars wie Nena und Jimmy Somerville ein Höhepunkt im Buga-Kalender. Angesichts von gut 200 verkauften Karten in der ersten Woche ist Tietze "ganz zufrieden", zumal er spürt, "dass die Frühlingsgefühle erst noch kommen". Und mit ihnen die Besucher.

"Kohlrouladen ohne Inhalt"

"Fragen Sie jemanden, der sich mit sowas auskennt!", heißt es in einer Werbung für die Gelben Seiten. Fragen wir Tom Schönherr, der 1995 die Pressestelle der Buga in Cottbus geleitet hat. Die damalige Schau war enorm erfolgreich, hatte schon nach drei Tagen hunderttausend Besucher. Viele davon kamen aus Gegenden, in denen Cottbus bis dato als Vorort von Moskau galt. Andere kamen aus Polen, weil polnische Besucher weniger Eintritt zahlten. Schönherr hat damals darauf geachtet, jedes Gästejubiläum mit Präsentkorb und Presserummel zu feiern und die Medien mit täglichen Faxen bei Laune zu halten. Ganz so stetig strömen die Informationen aus Potsdam bisher nicht, und der 100 000. Besucher, der irgendwann Anfang Mai gekommen sein muss, wurde eher eingeschleust als gefeiert. Zwar hütet sich Schönherr vor Schuldzuweisungen, die erste Buga-Woche sei wegen des lausigen Wetters jedoch "einfach verschossen" worden. Man hätte den Start auch verschieben können. Die Erklärung der aktuellen Buga-Sprecherin Sigrid Sommer, dass die Menschen sich vor allem an den kostenlos zugänglichen Orten wie der Freundschaftsinsel aufhielten, lässt Schönherr nicht gelten: "Dieses dezentrale Konzept hatten wir in Cottbus auch." Und Cottbus hatte neben der Buga den Zoo, der dank kombinierter Eintrittskarten viele Kinder anlockte. Buga-Geschäftsführer Jochen Sandner konnte vor dem Start nicht erkennen, warum ein Besuch des "Gartenfestivals" an das Ende von Prioritätenlisten rutschen könnte: "Potsdam stand immer auch auf dem Ausflugsprogramm von Berlin." 2,5 Millionen kalkulierte Besucher seien eine "realistische Zahl", erklärte Sandner, zumal das Produkt Buga eingeführt sei. Doch das war neun Monate vor dem Start. Hanns Peter Nerger, Geschäftsführer der Berlin Tourismus Marketing GmbH, sekundierte damals: "Berlin ist so attraktiv, dass Wetter nicht das Problem ist."

Die Buga lebt von Propaganda - auch der zufriedener Gäste. Buga-Veteran Horst Dittler aus Thüringen fand die Schau vor zwei Jahren in Magdeburg schöner. Ihm ist auf der Potsdamer Buga vor allem die "Kohlroulade ohne Inhalt" für 15,50 Mark aufgestoßen. Dem kann der Wirt im Verpflegungszelt wenig hinzufügen. Nur, dass er die Erbsensuppe für 7 Mark 50 "auch selbst niemals essen" würde. Eher schon eine Bratwurst im Brötchen, die für 3,80 Mark zu haben ist.

Andere Besucher klagten über das Ausmaß des Buga-Parkes, in dem man die Beete erst nach langen Märschen durch Graslandschaften erreicht. Der Park ist mit 73 Hektar viel größer als der in Cottbus (55 Hektar). Die Frau im Souvenirladen verrät nicht, wie oft sie das Maskottchen "Froschkönig Fritz" bisher verkauft hat. Aber sie sagt, dass die Leute statt eines Buga-Heftes für fünf Mark lieber einen kostenlosen Prospekt hätten. 21 Mark für eine Tageskarte hält auch Schönherr "für einen Knackpunkt". In Cottbus waren es 13 Mark. Welche Rolle das Geld spielt, ist vor der Damentoilette im Potsdamer Buga-Park zu beobachten: Hier stehen die Besucherinnen Schlange. Die Toilettenbenutzung ist kostenlos.

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