Bulgarische Krankenschwestern : "Ich habe für diesen Moment gelebt"

Frei und begnadigt: Für die sechs aus libyscher Haft entlassenen Mediziner ging heute eine achtjährige Leidenszeit zu Ende. Bei der Ankunft auf dem Flughafen in Sofia konnten die vor kurzem noch Todgeweihten ihr Glück kaum fassen.

Vessela Sergueva[AFP]

SofiaBange Hoffnung verwandelt sich in glückliche Gewissheit, verweinte Gesichter fangen an zu strahlen, als die französische Präsidentenmaschine in Sofia landet. An Bord sind die aus libyscher Haft entlassenen fünf bulgarischen Krankenschwestern und ein Arzt. Söhne und Töchter, Mütter und Ehemänner können die vor Jahren wegen eines Aids-Skandals zum Tode Verurteilten endlich in die Arme schließen, sie mit Küssen und Blumen bedecken und im Überschwang der Freude durch die Lüfte wirbeln.

"Es ist passiert... ich weiß nicht, was ich sagen soll... ich habe für diesen Moment gelebt", stößt die Krankenschwester Sneschana Dimitrowa unter Tränen hervor. Die sichtlich erschöpfte 54-Jährige, die dunkle Ringe unter den Augen hat, wirft sich in die Arme ihrer Tochter Paulina und ihres Sohnes Iwaylo. "Jetzt glaube ich daran", sagt Iwaylo, der nach mehreren Enttäuschungen kaum noch mit einem guten Ende des mehr als acht Jahre währenden Dramas gerechnet hat.

"Ich weiß, dass ich frei bin. Ich weiß, dass ich in Bulgarien bin, aber obwohl ich es immer gehofft und dafür gebetet habe, kann ich es noch nicht glauben", erklärt Kristjana Waltschewa. Mit klarer Stimme erzählt sie die Geschichte ihrer Rückkehr: "Wir sind um vier Uhr morgens über unsere Freilassung informiert worden. Um sechs Uhr haben wir die große Eingangstür des Dschudeida-Gefängnisses passiert. Ich habe nichts gespürt. Ich fühle mich immer noch wie in einem Traum."

Doppeltes Glück

Für Waltschewa ist das Glück doppelt groß: Ihr Ehemann Sdrawko Georgiew durfte mit ausreisen. Der Arzt war zunächst beschuldigt worden, in die Infizierung der libyschen Kinder mit dem HI-Virus verwickelt zu sein, und 1999 festgenommen worden. 2004 kam er auf freien Fuß, erhielt aber keine Ausreisegenehmigung. Nur der junge palästinensisch-stämmige Arzt Aschraf Dschuma Hadschudsch, der erst seit kurzem die bulgarische Staatszugehörigkeit hat,  muss noch warten, bevor er seine Lieben wiedersieht: Seine Familie, die aufgrund von Repressalien nach der Festnahme Hadschudschs aus Libyen in die Niederlande flüchtete und dort Asyl erhielt, erwartet ihn nach Angaben ihres Anwalts dort am Freitag.

Während die Rückkehrer ihre ersten vorsichtigen Schritte auf heimatlichem Boden tun und ein erstes zaghaftes Lächeln in Richtung der Hundertschaften von Journalisten und Fotografen wagen, prasselt die zweite gute Nachricht des Tages auf sie ein: Das Präsidialamt verkündet ihre Begnadigung. Damit ist klar, dass den Krankenschwestern und dem Arzt, deren Todesstrafen in der vergangenen Woche vom Obersten Justizrats Libyens in lebenslange Haft umgewandelt wurden, ein weiterer Gefängnisaufenthalt erspart bleibt.

"Dies ist ein Tag der Freude"

EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner, die die Freigelassenen zusammen mit Frankreichs First Lady Cécilia Sarkozy auf dem Heimflug begleitet hat, ist sichtlich bewegt. "Dies ist ein Tag der Freude", sagt die EU-Vertreterin strahlend, die das Memorandum zur Freilassung der Bulgaren in der Nacht unterzeichnete. Der Bürgermeister von Sofia, Bojko Borissow, schlägt vor, Nicolas und Cécilia Sarkozy, die sich ebenfalls stark für die Rückkehr der Krankenschwestern und des Arztes engagiert haben, zu Ehrenbürgern der Stadt zu machen. Das Schlusswort bleibt dem bulgarischen Regierungschef vorbehalten: "Die Tragödie ist beendet", resümiert Sergej Stanischew. Für die Krankenschwestern und den Arzt beginnt nun ein neues Leben.