Bundeswehr-Ehrenmal : Wenn der Staat trauert

Der Wettbewerb für ein Bundeswehr-Ehrenmal ist entschieden. Es rächt sich nun, dass der Verteidigungsminister die öffentliche Debatte gescheut hat. Über Gehalt und Form eines solchen Ehrenmals muss aber in einer Demokratie gestritten werden.

Bernhard Schulz
Bundeswehr-Ehrenmal Foto: Schulz
Ein Modell des Ehrenmals, Blick von der Hildebrandstaße aus. -Foto: Schulz

Der Berliner Dienstsitz des Bundesverteidigungsministeriums befindet sich an einem bedeutungsschweren Ort. Tagtäglich werden Politiker und Militärs daran erinnert, welche moralischen Grenzen der Ausübung staatlicher Gewalt gesetzt sind: Mitten im so genannten Bendlerblock mahnt daran die Gedenkstätte Deutscher Widerstand für die Verschwörer des 20. Juli.

Die Verbrechen der Hitler-Diktatur haben das Ansehen alles Militärischen zutiefst beschädigt. Das Bewusstsein dieser Beschädigung spielte auch bei der Gründung der demokratisch legitimierten Bundeswehr eine Rolle. Dass sie, erstmals ausgesandt von einer rot-grünen Bundesregierung, mittlerweile auch aktiv an Kriegshandlungen teilnimmt, bleibt nur auf diesem Fundament des kritischen Selbstbewusstseins möglich. Die Normalität, die die bundesdeutsche Armee mittlerweile darstellt, hat jedoch auch ihre Kehrseite. Zu ihren Toten hat die Bundeswehr noch kein Verhältnis gewonnen, das demjenigen anderer, mit einer kontinuierlichen Geschichte gesegneten Länder gliche.

„Seit Gründung der Bundeswehr im Jahr 1955 sind mehr als 2600 ihrer Soldaten im Dienst ums Leben gekommen“, erklärt das Verteidigungsministerium sein Vorhaben, ein Ehrenmal in Berlin zu errichten. Früher hätte man von „Gefallenen“ gesprochen, zumindest bei jenen 69 Soldaten, die im „Auslandseinsatz“ ums Leben kamen, wie jüngst drei Soldaten im Norden Afghanistans.

Jetzt hat das Ministerium das Ergebnis des Wettbewerbs für das Ehrenmal öffentlich gemacht. Es soll am Rande des kargen Freifeldes entstehen, der sich vom Bendlerblock bis zur Hildebrandstraße erstreckt. Zur Ausführung bestimmte die Jury den Entwurf des Münchner Architekten Andreas Meck, der einen 41 Meter lang gestreckten Baukörper mit einer „filigran durchbrochenen Bronzehaut“ vorsieht. Raffinierte Schiebewände machen diesen Bau wahlweise von der Straßen- wie von der Platzseite her zugänglich.

Meck meidet die erdverbundene Festigkeit, die Karl Friedrich Schinkel bei seiner 1816-18 errichteten Neuen Wache Unter den Linden so betont. Der Vergleich zu diesem Bauwerk, zumal in der Umgestaltung zum republikanischen „Ehrenmal für die Gefallenen des Krieges“ (1931), drängt sich auf. Mecks Entwurf verweigert sich dem Pathos nicht, versucht aber, es herunterzuspielen. Die Massigkeit des zehn Meter hohen Betonriegels löst er im flirrenden Bronzevorhang optisch auf. Mit kantigen Pfeilern und vorgesetzten Fahnenstangen bedient sich Meck zugleich aus dem hergebrachten Repertoire von Staats-Gedenkstätten.

Schon vor der Veröffentlichung des Jury-Entscheids war die Forderung erhoben worden, die Namen der 2600 Verstorbenen sichtbar zu verewigen – ein Patentrezept, das seit dem Washingtoner Vietnam Veterans Memorial mit seinen 58 000 Namen stets zur Hand ist. Hierzulande ist die Namensnennung fester Bestandteil aller Holocaust-Gedenkstätten. Doch beim Bundeswehr-Ehrenmal geht es nicht darum, Einzelschicksale dem Vergessen zu entreißen. Die Gleichzeitigkeit von kollektiver Ehrung und individueller Trauer, die der Wettbewerb verlangt, birgt die Vermutung, dass die Gesellschaft die tödliche Verteidigung gemeinsamer Werte kaum mehr einzufordern wagt. Es bleibt ein Balanceakt, das gemeinschaftliche „ehrende Gedenken“ an gefallene Soldaten als Teil der „kulturellen Identität“ der Republik zu verankern.

Die nächstplatzierten Entwürfe zeigen Alternativen. Hans Kollhoff orientiert sich am Motiv eines Campo Santo, eines von einem Umgang geschützten Friedhofs, der nur den Blick zum Himmel frei lässt. Gesine Weinmiller will eine Art himmelsoffener Kaaba in den märkischen Sand graben, umgürtet mit einem durchbrochenen Schriftband mit Rilke-Zitat.

Der Wettbewerb offenbart eine merkliche Zögerlichkeit im Umgang mit seinem Thema. Es rächt sich, dass der Verteidigungsminister, seines eigenen Vorstoßes offenkundig unsicher, die öffentliche Debatte gescheut hat. Über Gehalt und Form eines solchen Ehrenmals muss gestritten werden – zumal wenn sich die Nation darauf besinnen will, warum sie ihre Soldaten mittlerweile in Kriegsgebiete schickt.

Ausstellung der Entwürfe im Bendlerblock, Stauffenbergstr. 13, Innenhof links, Bauteil D. Bis 27. Juni, Mo-Fr 10-17 Uhr.