Bundeswehr-Mandat : Afghanistan: "Wir müssen durchhalten"

Am Freitag wird der Bundestag sehr wahrscheinlich einer Verlängerung des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan zustimmen. Im Ausland wird diese Entscheidung begrüßt, innerhalb Deutschlands ist die Zustimmung rapide gesunken.

Can Merey[dpa]
Bundeswehr_Mandat
Ein weiteres Jahr. Die Bundeswehr wird vorerst in Nordafghanistan stationiert bleiben. -Foto: ddp

Berlin/Kabul    Seit der Bundestag vor einem Jahr über die Verlängerung des Bundeswehr-Mandats abgestimmt hat, wurden zehn Deutsche in Afghanistan getötet. Unter den Toten waren drei Soldaten. Sie fielen im Mai einem Selbstmordattentäter in Kundus zum Opfer. Vier weitere Deutsche wurden entführt. Der Bauingenieur Rudolf Blechschmidt ist erst seit Mittwoch wieder frei. Der Bundestag wird an diesem Freitag trotz der eskalierenden Gewalt für ein weiteres Jahr der Beteiligung an der Internationalen Schutztruppe Isaf und dem Tornado-Einsatz zustimmen. In der deutschen Bevölkerung war das Engagement nie umstrittener.

Nach den Anschlägen von Kundus und den Geiselnahmen im Sommer waren zeitweise fast zwei Drittel der Deutschen für einen Abzug. Nur noch 33 Prozent waren in einer Umfrage im August dafür, dass die Bundeswehr am Hindukusch stationiert bleiben soll. In Afghanistan - in der Regierung in Kabul, unter der Bevölkerung, aber auch bei der Bundeswehr selber - sieht man die Entwicklung mit Sorge. Zwar sei der Einsatz gefährlicher geworden, sagt der deutsche Kommandeur der Nato-geführten Isaf in Nordafghanistan, General Dieter Warnecke. Ein Abzug könne aber keine Lösung sein. "Wir müssen durchhalten."

Taktikänderung bei den Taliban

Die radikalislamischen Taliban hätten ihre Taktik geändert, sagt Warnecke - die Aufständischen versuchten nun, durch Anschläge gezielt die öffentliche Meinung in den Truppensteller-Nationen zu schüren. "Sie haben gemerkt, sie müssen die Öffentlichkeit aufwecken in den Demokratien. Sie sind übergegangen zu Selbstmordanschlägen und zu Anschlägen mit vorbereiteten Sprengstofffallen." Die Zahl der Opfer sei dadurch gestiegen. "Wir müssen uns immer bewusst sein, welchen Preis wir bereit sind zu zahlen. Wenn wir jetzt aufgeben würden, dann hätten wir die Frage zu beantworten: Wofür sind die Soldaten gestorben?" Ein Abzug hätte schlimme Folgen für Land und Leute. "Das, was wir bis jetzt geleistet haben, würde aufs Spiel gesetzt werden."

Nach Ansicht der afghanischen Regierung ist der Bundeswehr-Einsatz nicht nur im Interesse Afghanistans. "Wenn man die Extremisten nicht hier besiegen kann, dann ist die Sicherheit Deutschlands in Gefahr", sagt der Nationale Sicherheitsberater von Präsident Hamid Karsai, Salmay Rassul. Man wisse, dass die in der Bundesrepublik im September festgenommenen drei Terrorverdächtigen "Kontakte in die Region" gehabt hätten. "Es könnte noch mehr von ihnen geben", sagt Rassul. Die Sicherheit Deutschlands "hängt also mit unserer zusammen". Die Taliban würden in einem Abzug eines großen Truppenstellers wie Deutschland "ein erstes Zeichen ihres Sieges sehen".

2008 wird ein schwieriges Jahr

Trotz der wachsenden Ablehnung in der deutschen Öffentlichkeit wird ein Abzug der Bundeswehr erstmal nicht anstehen, eine Mehrheit im Bundestag gilt als sicher. Für die gut 3000 Soldaten, die besonders in Nordafghanistan stationiert sind, könnte sich die Sicherheitslage nächstes Jahr weiter verschärfen, befürchtet der Herausgeber der Zeitung "Neue Welt", Qayum Babak, in Masar-i-Sharif. Die Taliban infiltrierten auch den verglichen mit den Unruhegebieten im Süden und Osten stabileren Norden. Warnecke sagt: "Wenn die Nato im Süden und Osten nicht Erfolg hat im nächsten Jahr, wird 2008 sicher ein sehr, sehr schwieriges Jahr. Und dann werden wir sicherlich auch im Norden die eine oder andere Entwicklung da spüren."

Auf den Einsatz der Bundeswehr verlässt sich auch die afghanische Bevölkerung im Norden. Die Deutschen sind bei den allermeisten Menschen dort beliebt. "Wenn die Truppen nicht hier wären, hätten wir keine Sicherheit", sagt Mohammad Ali. Der 38-jährige Bauarbeiter ist arbeitslos und schlägt vor der Blauen Moschee in Masar-i-Scharif die Zeit tot. Als Besatzer würden die Deutschen nicht wahrgenommen, Ali nennt sie "Friedenstruppen". Aus der Gruppe der Umstehenden fügt der 22-jährige Abdul Hakim hinzu: "Die Truppen machen einen guten Job."