Der Tagesspiegel : Bundeswehr: Mit dem Marschbefehl wird nicht gerechnet

Thorsten Metzner

Henning-von-Tresckow-Kaserne in Potsdam-Wildpark: Der weiträumige Komplex, einige Kilometer außerhalb der Landeshauptstadt in einem Waldstück gelegen, ist nur auf den ersten Blick eine Kaserne wie jede andere: Hier hat das neue Führungskommando für Auslandseinsätze der Bundeswehr seinen Sitz, das derzeit aufgebaut wird. Ab Januar 2002 werden von Potsdam aus die noch jungen deutschen Kriseninterventionskräfte gesteuert, wozu dann zum Beispiel jene bereits auf dem Balkan eingesetzten rund 7000 Soldaten gehören würden. Bald womöglich auch Bundeswehreinheiten in Afghanistan oder einem anderen Land, wenn die USA dort die Urheber des Terroranschlages ausfindig machen sollten und zum Gegenschlag ausholen? Ist diese Sorge auch bei den Soldaten der Tresckow-Kaserne spürbar?

"Absolut nicht", widerspricht Oberstleutnant Dietmar Jeserich, der Presseoffizier der künftigen Auslands-Kommandozentrale, vehement: "Die Angst, dass in Kürze ein Einsatz befohlen wird, hat niemand." Nicht nur er persönlich halte es für ausgeschlossen, dass in irgendeiner Form deutsche Soldaten an einem US-Vergeltungseinsatz direkt beteiligt sein werden. Jeserich verweist auf den Artikel 5 des Nato-Vertrages über den kollektiven Verteidigungsfall, nun in aller Munde, der eben nicht die Souveränität der Nato-Mitgliedsstaaten aushebele. Die konkrete Form einer Beteiligung an US-Aktionen bleibe im Ermessen der Nato-Länder.

Auch der Befehlshaber des Einsatzführungskommandos, General Friedrich Riechmann, hat gestern Morgen bei einem Morgenappell - nach der Schweigeminute für die Opfer in den USA - ausdrücklich klargestellt, dass die besondere Stärke der Nato immer gewesen sei, die Souveränität der Mitgliedsstaaten zu wahren.

Und trotzdem ist die Stimmung, ist der Kasernen-Alltag in diesen Tagen anders als sonst. Auch wenn die Bundeswehr nicht in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt wurde, wie Jeserich betont: "Es gibt keine zusätzlichen Dienste. Die Soldaten können wie üblich nach Dienstschluss nach Hause gehen." Gleichwohl, Wachposten sind zu erhöhter Aufmerksamkeit aufgefordert, die Fernseher und Radiogeräte laufen rund um die Uhr.

Nur das Führungspersonal muss auch noch nach Feierabend erreichbar sein. Und der Ausbildungsplan ist zugunsten politischen Unterrichts verändert worden, um die "drängenden Fragen" zu behandeln. Es ist also nur fast ein normaler Dienst in Potsdam-Wildpark.

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