Der Tagesspiegel : Castor-Transport: Alle zehn Meter ein Sicherheitsposten

Claus-Dieter Steyer

Der Castor-Transport mit abgebrannten Brennstäben aus dem stillgelegten Kernkraftwerk Rheinsberg ins Zwischenlager Greifswald/Lubmin ist gestern in Brandenburg ohne große Zwischenfälle verlaufen. Ein massives Polizeiaufgebot sicherte die Strecke. Lediglich auf einem Gleis zwischen Herzberg und Grieben versuchten 25 Castor-Gegner, mit einer Sitzblockade den Zug aufzuhalten. Doch die Polizei räumte die Strecke rechtzeitig. Mehrere Personen wurden in Gewahrsam genommen.

Kurz vor drei Uhr morgens kam ein junger Mann vors Rheinsberger Schloss geradelt. Er grüßte kurz in die Runde, schüttelte den Kopf und amüsierte sich. "Wir haben schon jetzt gewonnen", sagte der Mittzwanziger. Von der Mahnwache am Bahnhof stamme er. Aber da sei im Gegensatz zum Schlossvorplatz alles ruhig. "Mensch, das glaubt keiner", sagte der Mann. "So viele Polizisten. Und alles nur wegen unserem Häuflein Demonstranten. Einfach toll." Die ihn so froh stimmende Nachricht hatte er rasch den höchstens 100 Gleichgesinnten überbringen wollen. Andere Erfolgserlebnisse für die Anti-Castor-Gruppen gab es schließlich nicht. Die Einwohner von Rheinsberg und Umgebung wollten einfach nicht einsehen, warum sie gegen die Verladung der letzten Brennstäbe des 1990 stillgelegten Atommeilers seien sollten. "Wer den Abbau von Kernkraftwerken will, muss auch Transporte des abgebrannten Materials in eigens dafür nach neuestem Sicherheitsstandard gebaute Zwischenlager zulassen und nicht blockieren", schrieb Bürgermeister Manfred Richter in der Sonderausgabe "Castor" der Brandenburger Polizei.

Den Grund für die zufriedenen Blicke des "Spähers von der Mahnwache" lieferten vor dem Schloss die unzähligen Polizisten und Medienvertreter - offiziell waren rund 250 Journalisten akkreditiert. Innenminister Jörg Schönbohm hatte 6500 Polizisten und BGS-Angehörige aus sieben Bundesländern angefordert. Damit ging der erste und letzte Castor-Transport aus Brandenburg als bislang größte Polizeiaktion in die Geschichte des Bundeslandes ein.

Dabei bewegte sich der Zug mit der brisanten Fracht nur knapp 87 Kilometer auf Brandenburger Gebiet. "Da steht ja alle zehn Meter ein Polizist", mokierte sich ein jugendlicher Mopedfahrer. Zählte man zu den 6500 Einsatzkräften auch die Verkehrspolizisten, Zivilbeamten, Feuerwehrmänner und sonstigen Helfer mit, konnte die Rechnung durchaus aufgehen. "Alle hätten sich doch einen Ast gelacht, wenn es schief gegangen wäre", verteidigte sich Schönbohm. Dann hätte es geheißen, Brandenburg könne nicht einmal ein kleines Atomkraftwerk abbauen. Es habe Hinweise auf versuchte Gewaltanwendungen gegeben.

Als mit dem Castor-Zug auch die meisten Polizeiwagen Rheinsberg am Morgen wieder verließen, blieben ganz unterschiedliche Erinnerungen zurück. "Auf Anweisung bin ich noch nie aus der Kneipe geflogen", erzählte ein Mann beim Bier in der Bahnhofsgaststätte. "Bombendrohung, hieß es. So ein Quatsch." Dabei habe im Papierkorb nur ein alter Rucksack gelegen.

Bürgermeister Richter bewegten zwiespältige Gefühle. Für den Tourismus sei der Medienrummel vielleicht nicht ganz nützlich gewesen, meinte er. "Viele im Westen haben jetzt erst erfahren, dass wir Rheinsberger ein Kernkraftwerk in der Nähe hatten." Das schrecke möglicherweise Besucher ab. Andererseits sei jeder Polizist auch ein Tourist. Wenn es ihnen im Ort gefallen hätte, kämen die bestimmt wieder. Ähnlich äußerten sich die Hoteliers, wobei ein Haus das große Geschäft machte: Gleich 400 BGS-Beamte wohnten in der Marina Wolfsbruch bei Rheinsberg. Besser hätte der Saisonstart für das Haus gar nicht ausfallen können.

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