Der Tagesspiegel : Champ-Car: Trauer vor dem Start und Entsetzen danach

Claus-Dieter Steyer

Die Unglücksserie am Eurospeedway Lausitz reißt nicht ab. Beim gestrigen Champ-Car-Rennen zog sich der Italiener Alex Zanardi bei einem Zusammenstoß mit seinem Landsmann Alex Tagliani schwere Verletzungen zu. Während Tagliani nur leichte Verletzungen erlitt, wurde Zanardi mit dem Rettungshubschrauber in ein Krankenhaus geflogen. Bei Redaktionsschluss hieß es, sein Zustand sei nicht lebensbedrohlich. Das Rennen wurde fortgesetzt. Ursache des Unglücks soll nach ersten Meldungen ein Fahrfehler des Verunglückten sein.

Bereits der Beginn des Rennens war ungewöhnlich. Spätestens beim "Amazing Gaze" hielt auch der fanatischste Rennsportfan inne. 50 schottische Dudelsackpfeifer hatten mit ihrem betont ruhigen Auftritt wenigstens für kurze Zeit das Spektakel um die Europa-Premiere der US-Champ-Car-Serie auf dem Lausitzring in den Hintergrund gerückt. Als dann die Künstlerin Barbara Tucker die amerikanische Nationalhymne sang, schämten sich viele der schätzungsweise 80 000 Zuschauer ihrer Tränen nicht.

Zu tief sitzt noch immer der Schock über die Terroranschläge. Auch gestern verharrten Fahrer, Techniker und Begleiter der Serie im Gedenken an die Opfer vor der auf Halbmast wehenden amerikanischen Flagge hinter der Haupttribüne. Kränze und Blumen waren sichtbares Zeichen der Anteilnahme. Um den Opfern der Tragödie Respekt zu erweisen, wurde das Rennen in "The American Memorial" umbenannt. Die Organisation der Champ-Car-Serie spendete 500 000 Dollar und die Fahrer noch einmal 50 000 Dollar für den World Trade Center Fonds.

Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe übergab an den Präsidenten der Rennserie, Joseph Heitzler, ein Buch mit 5000 Unterschriften von den Einwohnern der Dörfer rund um den Lausitzring. "Die Menschen wollen damit ihre Solidarität mit den fast 2000 amerikanischen Gästen zum Ausdruck bringen", sagte Stolpe. Er verteidigte die Entscheidung, das Rennen angesichts der Ereignisse in den USA nicht abzusagen. Die Fahrer selbst widmeten eine Runde vor dem eigentlichen Start dem Andenken an die Opfer

Ursprünglich sollte Schauspieler-Legende Paul Newman die traditionellen Eröffnungsworte "Gentlemen, start your engines" sprechen. Doch er saß wegen des gestörten Luftverkehrs zwischen Nordamerika und Europa in seiner Heimat fest, hieß es von der Leitung des Eurospeedway Lausitz. Newman gehört ein Rennteam der Champ-Car-Serie. Zum ersten Auftritt der bis zu 400 Stundenkilometer schnellen Flitzer außerhalb Amerikas wollte er unbedingt dabei sein.

Die Neugier auf diese Premiere lockte auch rund 80 000 Fans aus ganz Europa auf die im August 2000 eröffnete Rennstrecke. Zwei Stunden vor dem Start klebten die Frauen und Männer in den Kassenhäuschen einen Zettel an ihre Fenster. "Es gibt nur noch Karten ab 350 Mark." Die um 100 Mark billigeren Tickets waren am Morgen verkauft worden.

Vor dem Unfall der beiden Italiener hatten sich die Veranstalter zufrieden über den großen Besucherandrang und den Verlauf des Rennens gezeigt. Das neuerliche Unglück änderte die Stimmung schlagartig. Auf dem Lausitzring hatte bereits der italienische Rennfahrer Alboreto sein Leben verloren. Wenig später war ein Streckenposten bei einem Trainingslauf getötet worden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar