Der Tagesspiegel : Charité und Vivantes forschen gemeinsam

Zentrum für klinische Studien für 2009 geplant

Hartmut Wewetzer

Irgendwann ist es soweit. Das neue Rheuma-Präparat, der Nachweistest für einen Herzinfarkt oder das Behandlungskonzept für Prostatakrebs müssen sich in der Praxis bewähren. Das heißt: beim Patienten. Eine klinische Studie muss Aufschluss darüber geben, wie gut ein neues Heilmittel wirklich ist. Solche Untersuchungen „am Krankenbett“ entscheiden über die Zukunft der Medizin.

Lange Zeit war die klinische Forschung in Deutschland international ins Hintertreffen geraten. Aber in den letzten Jahren hat eine Aufholjagd begonnen, und etliche deutsche Krankenhäuser bemühen sich mittlerweile darum, unter Umständen lukrative klinische Studien an Land zu ziehen. In Berlin wollen nun die Uniklinik Charité und die städtischen Vivantes-Kliniken ihre klinische Forschung unter ein Dach bringen.

Besiegelt wurde die Allianz durch den scheidenden Charité-Dekan und Arzneiforscher Martin Paul und den Chirurgen Alfred Holzgreve, zuständig für Forschung und Lehre an den Vivantes-Kliniken. Seit eineinhalb Jahren hatten die beiden „Dekane“ an der gemeinsamen Plattform gearbeitet, die nun Anfang 2009 unter dem Namen „Koordiniertes Klinisches Studienzentrum Charité – Vivantes“ ihre Arbeit aufnehmen soll. Die bereits existierenden eigenen Studienzentren beider Klinikgruppen werden unter diesem Dach vereinigt.

„Berlin hat ideale Voraussetzungen für ein solches Zentrum“, sagt Holzgreve. „Wir haben eine sehr große Zahl an Patienten und eine hervorragende medizinische Infrastruktur.“ „Viele Unternehmen sind es leid, für eine Untersuchung mit zehn oder 20 Kliniken verhandeln zu müssen“, sagt der Charité-Dekan Paul. „Wir koordinieren Anfragen für entsprechende Studien künftig zentral.“ Siemens entwickelt ein Programm, das den raschen Datenaustausch zwischen Vivantes und Charité ermöglichen soll – und das Interessenten schnell Auskunft geben soll, ob die „passenden“ Patienten für eine Studie vorhanden sind.

Verglichen mit anderen deutschen Regionen dürfte das neue Studienzentrum ziemlich konkurrenzlos sein. Zumindest, was die Zahl der Patienten angeht. Jedes Jahr werden in Charité und Vivantes mehr als 320 000 Menschen stationär und 1,3 Millionen ambulant behandelt. Auch politisch passt das Zentrum ins Bild, denn Berlin möchte sich als „Gesundheitsregion“ etablieren. So sieht es ein entsprechender Masterplan vor.

International sehen sich die Wissenschaftler gut gerüstet: „Es gab eine Zeit, in der viele Firmen aus Kostengründen nach Indien oder China gegangen sind, um klinische Untersuchungen zu machen“, berichtet Paul. „Aber zum einen sind die Ergebnisse nicht immer auf Europa oder Amerika übertragbar. Und zum anderen können wir hervorragende Qualität sicherstellen.“

Werden die Berliner sich nun als Versuchskaninchen fühlen? „Die Teilnahme an medizinischen Studien bietet nur Vorteile“, kontert Holzgreve. „Inzwischen sehen es die meisten Patienten zurecht als Qualitätsmerkmal, wenn in einer Klinik auch geforscht wird. Denn im Rahmen einer Studie werden die Kranken besonders gut betreut.“

Als Indiz dafür, dass die Charité auf Distanz zu der umstrittenen Zusammenarbeit mit dem Helios-Klinikum in Berlin-Buch geht, will Martin Paul das Studienzentrum aber nicht verstanden sehen. „In Berlin-Buch geht es für uns darum, Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung umzusetzen – das ist ein anderer Arbeitsschwerpunkt.“ Hartmut Wewetzer

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