China : Langer Marsch zu alter Stärke

Obwohl Peking Milliarden in die Wirtschaft pumpt, kommt China nicht aus der Krise. Trotz der Schwäche wird das Land wohl 2009 weltgrößte Exportnation.

Bernhard Bartsch

Peking - Die chinesische Wirtschaft bietet derzeit ein „buntes Bild“. So beschreibt Liu Mingkang, Chinas oberster Bankenregulator und einer der einflussreichsten Pekinger Konjunktursteuerer, die jüngsten Entwicklungen in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt. Im Mai zogen die Industrieproduktion und die Investitionen überraschend stark an, während gleichzeitig der Handel stark einbrach. Liu warnte am Freitag vor verfrühtem Optimismus, dass die Krise ihren Tiefpunkt überschritten und die Erholung bereits begonnen habe. Denn Chinas bisher wichtigster Wachstumsmotor, die Exportindustrie, springt noch immer nicht an.

Im Mai fielen die Ausfuhren bereits im siebten Monat in Folge und lagen mit 88,8 Milliarden Dollar 26,4 Prozent niedriger als im Vorjahr. Die Importe sanken im Mai um 25,2 Prozent auf 75,4 Milliarden Dollar. Experten hatten eine Abschwächung des Exportrückgangs erwartet, da die Regierung die Ausfuhren mit Steuernachlässen anzukurbeln versucht und sich gegen eine weitere Aufwertung des Yuan stemmt, um chinesische Waren im Ausland nicht zu verteuern.

Doch der Nachfragerückgang aus den USA, Europa und Japan ist größer als die neuen Anreize für „Made in China“. Die Welthandelsorganisation (WTO) hält es dennoch für möglich, dass die Volksrepublik dieses Jahr zur größten Exportnation aufsteigen wird. Denn der bisherige „Exportweltmeister“ Deutschland sieht seine Ausfuhren derzeit noch schneller sinken als die Chinesen. Im April lag der Rückgang bei 28,7 Prozent.

Obwohl der Außenhandel daniederliegt, konnte Chinas Industrie im Mai stark zulegen. Der Wert der produzierten Waren lag im Mai 8,9 Prozent höher als vor einem Jahr. Ausgelöst hat das starke Wachstum vor allem das Konjunkturpaket der chinesischen Regierung. Insgesamt sollen 460 Milliarden Euro für Infrastruktur und den Aufbau eines landesweiten Sozialsystems ausgegeben werden. Renten- und Krankenversorgung seien von entscheidender Bedeutung, um den Binnenkonsum zur tragenden Säule der chinesischen Wirtschaft zu machen.

„Die Chinesen sparen ihr Geld, aber sie sparen nicht zum Spaß, sondern weil es für sie die einzige Möglichkeit der Absicherung ist“, sagte Bankenregulator Liu. Der chinesischen Zentralbank zufolge wollen 47 Prozent der Bürger in Zukunft mehr sparen. Das ist der höchste Wert seit zehn Jahren. Nur 15,1 Prozent sind demnach bereit, mehr Geld auszugeben.

Allerdings zeigten sich die Chinesen in der Umfrage vorsichtiger als in der Realität. Die neuesten Konsumstatistiken weisen einen deutlichen Aufwärtstrend auf. Trotz aller Probleme daheim will Peking die Krise nutzen, um chinesischen Staatskonzernen und Privatunternehmen internationale Expansionen zu ermöglichen. Die Möglichkeiten für Investitionen hätten zugenommen, hieß es am Donnerstag in einer Erklärung auf der Internet-Seite des Handelsministeriums. „Dies ist für chinesische Unternehmen eine gewaltige Chance“, erklärte der Vizechef der Bank of China, Zhu Min. „Für chinesische Banken sollte es eine Priorität sein, die internationalen Aktivitäten chinesischer Unternehmen zu unterstützen.“

Pekings Ambitionen hatten kürzlich einen herben Rückschlag erlitten, als der australische Bergbau-Konzern Rio Tinto eine 20-Milliarden-Dollar-Beteiligung des chinesischen Metall-Konzerns Chinalco platzen ließ und sich lieber mit dem Erzrivalen BHP Billiton verbündete. Der Einstieg der Chinesen bei Rio Tinto war in Australien politisch höchst umstritten gewesen, weil Kritiker Chinas wachsenden Einfluss auf dem Rohstoffmarkt fürchten. Bernhard Bartsch