Cindy Sherman : Maske Mensch

Berlin ehrt die Fotografin Cindy Sherman mit einer großen Werkschau. Durch zahlreiche internationale Leihgaben it alles vorhanden, was Shermans konsequente Selbstbespiegelung nachvollziehbar macht.

Christiane Meixner
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Das Farbfoto Untitled #96 aus dem Jahr 1981.Foto: Berliner Festspiele

Nasse Augen und Wimperntusche, die tiefschwarze Balken ins Gesicht gezogen hat. Der Mund der Frau ist feucht, nicht vom sexy Lipgloss allerdings, sondern vom Weinen. So etwas möchte man nicht sehen, wo doch die übrigen Fotografien perfekte Bilder zeichnen – die Lady als Domina oder im Negligé, als toughe Geschäftsfrau oder romantisches Häschen. Ewige Männerfantasien, so scheint es, die Cindy Sherman mit ihrem eigenen Körper, ein paar Requisiten und dem richtigen Hintergrund in weibliche Stereotype übersetzt.

Mit inszenierten Selbstporträts wie den „Untitled Film Stills“ der späten siebziger Jahre hat sich die amerikanische Künstlerin den Ruf als eine der wichtigsten Protagonistinnen im zeitgenössischen Kunstbetrieb erworben. Weshalb, das macht nun die große Ausstellung „Cindy Sherman“ im Martin-Gropius-Bau deutlich, die wichtige Arbeiten aus jeder Phase präsentiert und eine Kooperation mit dem Pariser Jeu de Paume und anderen großen Museen darstellt.

 Zahlreiche internationale Leihgaben sorgen dafür, dass von den frühen Schwarzweißporträts über die farbige „Fashion“-Serie mit Posen aus Mode-Magazinen und die „Fairy Tales“ der Achtziger bis hin zu den Fotografien nach historischen Gemälden alles vorhanden ist, was Shermans konsequente Selbstbespiegelung nachvollziehbar macht. Ergänzt werden sie von jenen raren Bildern, in denen auch andere Protagonisten vorkommen dürfen. Darunter ihre pornografischen Puppenspiele, die verrenkte oder verstümmelte Leiber zeigen und so zum ersten Mal in Shermans Werk zerstörte Körper vorführen – auch wenn es bloß Schaufensterpuppen und anatomische Modelle sind.

Einen breiten Raum in der Ausstellung nehmen schließlich jene Clowns ein, die Sherman in jüngerer Zeit abgelichtet hat. Monströse Kreaturen vor wabernden Farbkulissen, die mit den harmlos albernen Zirkuswesen nichts mehr gemein haben. Es sind, so sagt sie selbst, vielmehr Symbolfiguren für das abgründige Spiel, das Menschen hinter Masken treiben. Wie jedes Bild von Cindy Sherman sind auch diese grellbunten Boten wie aus einem Horrorfilm perfekt inszeniert und ausgeleuchtet. Und wie alle zielen sie hemmungslos auf die Psyche.

Denn Abgründe werden nicht nur auf den Sex-and-Crime-Bildern sichtbar. Auch dort, wo Sherman alltägliche Situationen schildert, fügen sich die Details zu beunruhigenden Momenten. Sie zeigt Frauen allein auf menschenleeren Straßen, in der Küche, am Meer, auf dem Sofa, im Bett. Manche scheinen zu weinen, andere blicken lasziv oder erschrocken. Gefrorene Momente, die an artifizielle Einzelaufnahmen aus Filmen erinnern. Und obwohl diese Fokussierung immer nur einen Ausschnitt der Erzählung preisgibt, sind hier die Dramen zu ahnen, die auf Lust, Gewalt, sexuellen Übergriffen und nicht zuletzt Mord basieren.

 Sherman unterstreicht diesen Eindruck, indem sie die Enge und Künstlichkeit der Räume in ihren Bildern betont. Zum einen zoomt sie auf Marginales wie das penibel hergerichtete Erbrochene von „Untitled #175“ aus der Reihe „Disasters“. Zum anderen greift sie bevorzugt auf Kulissen zurück, die bloß als Bilder an die Wand projiziert werden und das Ambiente hinter den fotografierten Gestalten seltsam flach wirken lassen. Beides begründet die formale Nähe ihrer Arbeit zum Medium Film, dem schließlich auch die klischierten Frauenbilder von der dummen Blondine bis zur devoten Hausfrau entspringen. Klischees, die die Künstlerin so präzise wie kaum jemand anderes visualisiert und dabei häufig ins Karikierende abgleiten lässt – subtil allerdings und ohne dass es den Wahrheitsgehalt berührt.

Als Vorreiterin einer feministischen Kritik an den herrschenden Blickverhältnissen wird die Künstlerin deshalb gern bezeichnet. Ein Etikett, das Sherman nicht mag – weshalb sie sich in den raren Kommentaren und Interviews betont untheoretisch gibt. Dennoch hat ihr Werk die zeitgenössische Fotografie um ein Segment erweitert, in dem die visuellen Codes aus Werbung, Kino oder der klassischen Malerei verhandelt werden. Besser noch: ihre Rückwirkung auf das Subjekt. Dafür genügt der Künstlerin die eigene Biografie. Sherman, 1954 in New Jersey geboren, hat die Zeit der sexuellen Revolution ebenso miterlebt wie den neueren Backlash mit dem unerbittlichen Jugendwahn: „Hollywood/Hampton Types“ heißt eine Serie von 2002, in der aufgespritzte Lippen und Plastikbrüste von den verzweifelten Versuchen der Sherman-Egos erzählen, den Kampf um Aufmerksamkeit zu gewinnen.

So inszeniert jedes Porträt die Möglichkeiten und Nöte des Einzelnen, die Sherman stellvertretend vorführt. Keine Selbstbildnisse im herkömmlichen Sinn. Vielmehr sind ihre Fotos wie Spiegel, in denen die Künstlerin unzählige mediale Images aufscheinen lässt, die einen locken, erschrecken, abstoßen oder faszinieren. Es ist also nicht nur der viel zitierte männliche Blick auf den weiblichen Körper, den Sherman in ihrem Werk angeblich präzise seziert. Sondern ebenso der Blick der Frau auf sich selbst, sobald sie das Rollenspiel kultiviert und dafür sorgt, dass Stereotype ihren Weg in die Wirklichkeit finden.

Vielleicht ergreift einen die heulende Frau am Beginn der Ausstellung deshalb mehr als all die anderen unangreifbaren 50er-Jahre-Typen in den „Untitled Film Stills“ – sie erzählt von Schmerz und Leidenschaft. Oder tut sie bloß so?

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, bis 17. September, Mittwoch bis Montag 10–20 Uhr. Katalog: 49,90 Euro