Der Tagesspiegel : Circus Sarrasani: Jubiläums-Show mit zersägten Frauen und einem poetischen Weltstar

Heidemarie Mazuhn

Der Zirkus ist in der Stadt. "Fantastische Vorstellungen" will der 28-jährige André Sarrasani bis zum 2. September in Potsdam geben. Der junge Mann mit dem großen Circus-Namen, den seine Mutter Ingrid Stosch-Sarrasani, gebürtige Wimmer, einst durch Adoption erlangte, versteht sich als Magier und Illusionist - laut einem privaten TV-Sender "der Beste in Deutschland".

Nicht nur der Traditionsname Sarrasani ist eine schwere Bürde für einen jungen Mann, der nach oben will - die Zeiten sind alles andere als zirkusfreundlich. Und die Varieté und Circus GmbH Sarrasani inzwischen aus dem Handelsregister gestrichen. Der Zirkus aber, den der am 2. April 1872 in Lomnitz in der damaligen Provinz Posen geborene Gutsbesitzersohn Hans Stosch unter den Namen Sarrasani 1901 in Brandenburg an der Havel gründete, und für den er 1911 in Dresden den größten festen Circusbau Europas errichten ließ, der 1945 im Bombenhagel versank - dieser Zirkus lebt. Jedenfalls im ehrgeizigen Verständnis seines Namensträgers, der allem geschäftlichen Unbill zum Trotz als "Marke André Sarrasani" weitermacht. Und als Kind unserer Zeit - "urbanes Entertainment" und Events sind die Vokabeln des inzwischen Partners eines Merchandising-Unternehmens gewordenen Magiers, der erst mal Schlosser lernte, bevor er Damen zersägte - "und natürlich machen wir auch Circus", sagt er am Premierenabend selbstbewusst.

Was Deutschlands "jüngster Zirkusdirektor" unter "Circus als modernes Event" versteht, hat Erfolg - jedenfalls nach dem Beifall am Donnerstagabend zu urteilen. Vor dem zirzensischen Genuss war allerdings die Geduld der Premierengäste gefragt. Warum die über 1000 Karteninhaber unbedingt durch eine nur etwa anderthalb Meter breite und dunkle Eingangsschleuse mussten, blieb Geheimnis der Gastgeber - und verzögerte die "Fantastische Vorstellung" um 45 Minuten.

Im Opening stellte sich die polnische Artistengruppe "Ocelot" vor - nicht das letzte Mal, denn eigentlich war sie das Programm: Als Gaukler, als mystische Pantomimen, elegante Luftnummern - mit mehrfachen Salti, gedrehten Pirouetten, hohen Sprüngen und fliegenden Körpern. Dass das Programm mehr eine Mischung aus Show, Revue und Varieté war und weniger der 100-jährigen Zirkustradition unter dem Namen Sarrasani - zur Premiere fragte niemand danach.

Was André Sarrasani im Lustgarten zur "Fantastischen Vorstellung" beisteuerte, hatten Berliner Zirkusfans schon im Mai 1996 gesehen. Für die Potsdamer halb so schlimm - die alten sind hier die neuen Tricks. Und das uralte Zauberding, die Partnerin zu zersägen, sie schweben zu lassen oder zu durchbohren, ist immer sehenswert. Als Höhepunkt sperrte der "deutsche David Copperfield" seine Dame in einen Käfig - und da der angekündigte Tiger bis dahin nicht zu sehen war, wusste man, dass es jetzt passiert: Dame weg, Tiger da. Der durfte mit dem sich seiner Attraktivität sichtlich bewussten Zauberer dann eine Runde in Freiheit drehen - an der langen Kette natürlich. Das Potsdamer Oberhaupt schwebte aber nicht in Gefahr - Matthias Platzeck hatte sich nach der Pause nicht noch mal in seine Loge eingefädelt.

Sein freigewordener Platz ermöglichte einer älteren Dame, ihren Blumenstrauß loszuwerden - an den Star des Abends. Immer, wenn die Musik romantisch leiser wurde, trat er auf, poetisch, melancholisch und das Herz der Zuschauer rührend - Oleg Popov, der letzte große Clown dieser Welt und eigentlich schon im Ruhestand. Nicht im heimatlichen Moskau, sondern in einem fränkischen Bauernhof. Dorthin verschlug ihn die Liebe zu einer jungen Frau. Die kann man bei Sarrasani auch sehen - neben dem berühmten Gaststar in der Manege.

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