Clement und die SPD : Szenen einer Scheidung

Malte Lehming

Es ließe sich witzeln. Ein langjähriges Mitglied der SPD, prominent, markant, nicht immer leicht im Umgang, eigener Kopf, manchmal ruppig, aber mit herausragenden Verdiensten für Partei und Land, eng verbunden mit der Agenda 2010 und den Hartz-Reformen, soll nun ausgeschlossen werden aus der ältesten, zweitgrößten deutschen Volkspartei. Man wirft ihm parteischädigendes Verhalten vor, gnadenlose Ichbezogenheit und vor allem, dass er der „bezahlte Lobbyist eines Energiekonzerns“ geworden ist. Was? Gerhard Schröder wegen Gasprom? Aber nein, es ist nur Wolfgang Clement.

Aber zum Witzeln ist die Sache zu ernst. Also abwiegeln. So ein Ausschlussverfahren dauert lange, abschließend ist nichts entschieden, die Bundesschiedskommission wird erst noch eingeschaltet, und zur Not kann Kurt Beck ja mal ein Machtwort sprechen. Außerdem ist Clement kein Unschuldslamm. Während der Hessenwahl hat er mutwillig aufs eigene Tor geschossen, gerade ehemalige SPD-Führungspersonen haben aber Vorbildfunktion. Als unlängst in Niedersachsen ein anderer SPDler, Detlev von Larcher heißt er, dazu aufrief, die Linken zu wählen, wurde der ebenfalls ausgeschlossen. Gleiches Recht für alle, keiner wird privilegiert.

Zum Abwiegeln indes wühlt die Sache zu sehr auf. Also empören. Was ist nur aus dieser Partei geworden, dass sie Abweichler nicht mehr duldet, dass sie das Fallbeil über Andersdenkende niedersausen lässt, dass sie ein 68-jähriges sozialdemokratisches Urgestein mit seiner individuellen Lebensgeschichte nicht mehr duldet! In anderen Parteien muss man entweder in Stasi- oder Naziverdacht geraten oder komplett durchgeknallt sein, um ausgeschlossen zu werden. Die Grünen hat’s über Kosovo- und Afghanistankrieg zerrissen, in der CDU propagiert Heiner Geißler die kruden Attac-Thesen, und das Spektrum bei den Linken reicht inzwischen von moderaten Sozialstaatsverehrern bis zu verbohrten Altstalinisten. Alle leben mit ihren Widersprüchen. Warum schafft die SPD das nicht?

Doch auch Empörung streift die Wahrheit nur, trifft sie aber nicht ins Zentrum. Diese Wahrheit nämlich lautet: Die SPD und Clement passen tatsächlich nicht mehr zusammen. Tragisch ist nur, dass die Partei das eher bemerkt hat als Genosse Clement. Man hat sich auseinandergelebt, wobei die SPD sich weiter von Clement entfernt hat als er von ihr. Modern, Agenda, Reform, Hartz, all solche Vokabeln lösen bei Sozialdemokraten bloß noch Angstschweiß, keinen Stolz mehr aus. Die Luft zum Atmen wurde ihnen abgeschnürt durch eine sozialdemokratisierte Union, mit der sie im Bund koalieren, und einer Lafontaine-Linken, die programmatisch alle Felder besetzt hat. Tolerant und generös kann sein, wer sich wohl in seiner Haut fühlt. Im Zustand der Panik regiert auch die Panik.

Und so bleibt am Ende die bittere Gratulation. Denn schlösse sie ihn aus, erwiese die SPD dem Genossen aus Bochum einen letzten Dienst. Manchmal müssen eben selbst gestandene Politiker zu ihrem Glück gezwungen werden. Indem er den Kampf um die Mitgliedschaft weiter verbissen kämpft, adelt er bloß jene, die ihn mit Füßen treten. Andere widerborstige Charaktere wie Thilo Sarrazin, Heinz Buschkowsky, Helmut Schmidt oder Klaus von Dohnanyi sind entweder Manns genug, sich selbst zu wehren, oder sie folgen Clement einfach nach. Früher oder später werden sie alle merken: Es gibt ein Leben nach der SPD. Es muss kein schlechtes sein.

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