Der Tagesspiegel : Cottbus: Hoffentlich reicht die Energie!

Sandra Dassler

"Wir sind wieder wer" schrieb eine örtliche Zeitung, als der FC Energie Cottbus vor vier Jahren in die 2. Bundesliga aufstieg. Der Kommentar sorgte zwar für Stirnrunzeln bei den Intellektuellen, traf aber das Lebensgefühl vieler Menschen in der Lausitz.

Wie ist das möglich? Woher kommt diese Fußball-Euphorie in einer Stadt, die eigentlich für Turner oder Radfahrer bekannt ist?

Zum Thema Bundesliga aktuell: Ergebnisse und Tabellen Wer die DDR-Fahnen am Sonderzug gesehen hat, mit dem die Cottbus-Fans 1997 zum Aufstiegsspiel nach Hannover fuhren, wer erlebt hat, wie Vorruheständler sich den Frust über das Nicht-mehr-gebraucht-werden im Stadion der Freundschaft von den Seelen brüllen - der weiß, dass Fußball in der Lausitz derzeit eine ähnliche Rolle spielt wie 1954 beim "Wunder von Bern" in ganz Deutschland. Es geht um Selbstwertgefühl, nicht mehr und nicht weniger.

Auch das Prinzip "Brot und Spiele" funktioniert immer wieder. Deshalb eilten Politiker wie Stolpe oder Schönbohm regelmäßig zu den "Schicksalsspielen". Selbst Gregor Gysi verpasste während des PDS-Bundesparteitags in Cottbus vor einem Jahr die Wahl der neuen Vorsitzenden, weil er sich justament im Stadion über den Sieg gegen Köln und den Aufstieg in die höchste Klasse freute. Damals höhnte es aus Berlin oder München: "Ihr werdet nur Punktelieferant für ein Jahr sein - mehr nicht." Doch die "Gurkentruppe aus dem Spreewald", die ausländer- und kinderreichste Mannschaft der Liga hat es geschafft. Aus eigener Kraft, mit einigen Sensationen: 1:0 gegen Bayern, 4:1 gegen Schalke, 3:0 gegen Hertha ...

Gestern haben sie den Verbleib in der 1. Liga gefeiert - Fußballer, Fans, Stadtväter und viele kleine Unternehmer, die sich die Sponsorengelder vom Munde absparen. Sie haben gefeiert, obwohl (oder weil) alle wissen, dass die nächsten ein, zwei Jahre über das Schicksal des Fußballvereins wie der ganzen Region entscheiden werden. Ob Wolfgang Thierse mit der These, dass der Osten ökonomisch auf der Kippe steht, Recht hatte, sei dahingestellt. Wer mit offenen Augen, Ohren und Herzen durch Gegenden wie die Lausitz geht, kann allerdings nicht übersehen, dass dort zumindest eines am Kippen ist: die Stimmung. Nicht, weil der versprochene Rückgang der Arbeitslosigkeit nicht eintrifft - daran hat eh keiner geglaubt. Auch nicht, weil allerorten Konsumtempel, aber kaum Produktionsstätten entstanden sind. Sondern vor allem, weil die Ostdeutschen zwölf Jahre nach dem heißen Sommer und Herbst 1989 wieder einmal mit den Füßen abstimmen. Immer mehr junge und leistungsfähige Menschen verlassen ihre Heimat. Diesmal auf Suche nach Arbeit. Ob Lehrer, Unternehmer oder Sportler - sie hinterlassen schmerzliche Lücken, fehlen im Ringen um eine funktionierende Wirtschaft und eine wehrhafte Demokratie. "Überall treffen wir bei den Auswärtsspielen alte Kumpel", erzählen Fans, "die leben jetzt in Köln oder München. Und wenn bei Energie ein Spieler Herausragendes leistet, wird er auch schnell abgeworben."

Verein und Stadt können diese Abwanderung nur stoppen, wenn sie nicht auf Hilfe aus Potsdam oder Berlin warten, sondern versuchen, aus eigener Kraft neue Wege zu beschreiten, und neue, attraktive Ziele anzustreben. Das braucht Mut, Phantasie und ... Beispiele. Deshalb ist das Fußball-Wunder von Cottbus (nicht nur) für Cottbus so wichtig. Hoffentlich reicht die Energie.

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