Der Tagesspiegel : Cottbus: Morddrohung und Prügelei

Claus-Dieter Steyer

Der Angriff kam von hinten. Ein kräftiger Stoß in den Rücken und der Fotoapparat fiel aus den Händen. Der Reporter stürzte dank eines Baumes nicht auf den Bürgersteig. Beim Umdrehen rannten die beiden vielleicht 15- bis 16-jährigen Jungen in Windeseile davon. Aus sicherer Entfernung brüllten sie "Aus-, Aus-, Ausländer raus" und lachten höhnisch.

Der Vorfall gestern Mittag im nördlichen Cottbuser Zentrum wäre nicht der Rede wert gewesen, hätte er sich nicht in der Seminarstraße zugetragen. Genau hier hatten am Neujahrsmorgen bislang unbekannte Männer ein jüdisches Ehepaar mit den Rufen "Kommt raus, ihr Schweine, wir schlagen Euch tot" bedroht und dabei das Gartentor eingetreten. Ein Treffpunkt Rechtsradikaler befindet sich gleich um die Ecke.

In dieser Straße trafen sich gestern die Pfarrer der St. Nikolai-Kirche zum Krisengespräch. "Es reicht", sagt Rolf Wischnath, Generalsuperintendent der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg. Sein Büro ist in der Nachbarschaft des Hauses der bedrohten Familie H. Erst auf Ermunterung Wischnaths hatte der 70-jährige Mann Anzeige bei der Polizei erhoben. "Wir rufen alle Cottbuser am Sonntag zu einer Manifestation gegen Fremdenfeindlichkeit, Ausländerhass und jegliche Form von Diskriminierung auf", sagte Wischnath, der gleichzeitig Vorsitzender des landesweiten Aktionsbündnisses gegen rechte Gewalt ist. Nach dem normalen Gottesdienst um 10 Uhr sollen sich die Kirchgänger und alle anderen Menschen ab 11 Uhr in einen Marsch zum Ort der 1938 zerstörten Cottbuser Synagoge einreihen. Wischnath will dort eine Rede halten.

Auslöser zu diesem Aufruf war nicht nur die Bedrohung der Familie H. in der Seminarstraße. Am Mittwochabend waren erneut vier Rechtsradikale prügelnd und mit "Ausländer-Raus-Rufen" sowie den Hitlergruß zeigend durch Cottbus gezogen. Dabei verletzten die 17- bis 24-jährigen Jugendlichen einen libanesischen Asylbewerber, einen ukrainischen Schüler und einen deutschen Mann. Als die Horde in der Straßenbahn auf zwei 16-jährige Jungs grundlos einschlug, rannten deren Freundinnen bei der nächsten Haltestelle zu einem Taxi-Stand. Die von dort verständigte Polizei nahm die vier Randalierer fest. "Sie waren uns durch ähnliche Delikte schon aus der Vergangenheit bekannt", sagte Polizeisprecher Peter Boenki. Während Innenminister Jörg Schönbohm die schnelle Festnahme der Täter lobte, fürchtet die Cottbuser Industrie- und Handelskammer (IHK) um den wirtschaftlichen Aufschwung in Südbrandenburg. Während junge Menschen wegen des gesellschaftlichen Klimas fortzögen, würden Wissenschaftler und Investoren von außerhalb abgeschreckt.

Mit seinem Lob für die schnelle Festnahme der Schläger wollte der Innenminister wohl auch etwas für das beschädigte Image der Cottbuser Polizei tun. Zwei Beamte hatten bei der Aufnahme der Anzeige dem bedrohten Ehepaar H. "Schutzhaft" angeboten. Sie haben sich dabei - offenbar aus Unwissenheit - im Ton vergriffen. "Schutzhaft" war der beschönigende Ausdruck für Inhaftierungen im "Dritten Reich", angewandt von SA und Gestapo. Auch Angehörige von Herrn H. waren von SA und Gestapo in "Schutzhaft" genommen worden. Sein Vater starb im KZ, andere Verwandte wurden gequält. Ulrich H. selbst wurde als Jude geprügelt und in ein Zwangsarbeiterlager gesteckt.

Gestern wollten sich die Beamten bei dem Ehepaar für ihre "Entgleisung", so Polizeisprecher Boenki, entschuldigen. "Den Polizeibediensteten war zum Zeitpunkt der Anzeigenaufnahme die jüdische Verbindung nicht bekannt", erklärte der Sprecher. Für Hinweise zur Ergreifung der Täter hat Innenminister Schönbohm inzwischen eine Belohnung von 5000 Mark ausgelobt.

Generalsuperintendent Wischnath geht im Unterschied zur Polizei von einem gezielten Angriff auf die Familie H. aus. Diese sei in der Stadt bekannt. Es gebe ein Buch über die Verdienste der Familie. Unter anderem verdankt das Staatstheater Cottbus einem Familienmitglied wesentlich seine Gründung. "Die Gruppe der Angreifer wusste über das Ehepaar H. sehr gut Bescheid", sagte Pfarrer Christoph Polster. Angesichts der Verbalattacke gegen das Ehepaar müssten nun alle Juden der Stadt um ihre Sicherheit fürchten. Erst seit einem Jahr gebe es in Cottbus wieder eine Jüdische Gemeinde, ihre Mitglieder sind vor allem zugewanderte Letten und Esten.

Mit der Manifestation am Sonntag wolle man deshalb auch jene Menschen zum Mitmachen motivieren, die sich nicht unbedingt von allein in die erste Reihe stellen, meinte Superintendent Matthias Blume. Ihren Aufruf verstehen die Pfarrer als "bewusste Einmischung in die Politik". So hätten sie auch schon vor 1989 gehandelt.

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