Der Tagesspiegel : „Da befällt einen die wilde Schwermut“

Innenminister Schönbohm sucht nach Erklärungen für Gleichgültigkeit und Verwahrlosung

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Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von den neun Babyleichen hörten?

Ich habe am Montag gegen 15 Uhr am Telefon erfahren, was im Einzelnen passiert ist. Ich war gerade nach Hause gekommen – von einem Gespräch mit jungen Müttern, zwischen 14 und 17 Jahren alt, in einem Heim der evangelischen Jugendhilfe. Wir hatten uns darüber unterhalten, was es bedeutet, in jungen Jahren ein Kind zur Welt zu bringen. Die Mütter machen die Schulausbildung weiter, sie wollen in die Lehre. Ich habe sie ermutigt und gesagt: Ihr geht einen dollen Weg. Mit diesem Eindruck kam ich nach Hause. Als ich dann von dem Fund der neun toten Babys hörte, ist mir physisch schlecht geworden. Ich habe an meine eigenen Kinder gedacht, und an meine sechs Enkelkinder. Ich konnte es mir gar nicht vorstellen.

Was haben Sie veranlasst?

Ich habe versucht, etwas über die menschlichen Verhältnisse der Mutter der toten Babys zu erfahren. Sie hat ja schon drei erwachsene Kinder und ein ganz kleines. Da fragt man sich: Wie kommt es, dass dieses Kind überlebt hat? Der ganze Fall hat ja fast eine biblische Dimension. Das erinnert an die Ermordung der Neugeborenen in Bethlehem, die im Matthäus-Evangelium beschrieben wird.

Können Sie sich erklären, warum aus der Umgebung der Mutter in Brieskow-Finkenheerd und Frankfurt (Oder) angeblich niemand etwas von dem jahrelangen Drama mitbekommen hat?

Diese unglaubliche Gleichgültigkeit trifft mich am meisten. Dass keiner gesehen hat, dass die Frau in Not ist und Hilfe braucht, verstehe ich nicht. Was haben die Eltern gemacht, die Nachbarn? Die Mutter muss doch mit Leuten gesprochen haben. Oder war sie so vereinsamt, dass sie mit fast niemandem mehr geredet hat? Diese mangelnde Anteilnahme bei uns in Brandenburg ist ein riesiges Problem.

Was sind die Ursachen?

Wir haben uns diese Frage gestellt, als 1999 eine Mutter in Frankfurt (Oder) ihre zwei Kinder in der Wohnung verdursten ließ. Und als vor einem Jahr in Cottbus die Leiche des kleinen Dennis gefunden wurde, die die Mutter in einer Kühltruhe versteckt hatte. Auch der Mord in Potzlow, wo Skinheads einen Schüler zu Tode gequält haben, ist so ein Fall. Die Leiche wurde erst nach Monaten gefunden, bis dahin hat im Dorf niemand nach dem verschwundenen Jungen gefragt. Diese Grausamkeit der Täter und die Gleichgültigkeit der Umgebung, da befällt einen die wilde Schwermut.

Also keine Erklärung möglich?

Vielleicht doch. Die ländlich strukturierten Räume Ostdeutschlands sind stärker verproletarisiert als ein eher städtisch geprägtes Land wie Sachsen, wo ein Teil des Bürgertums die SED-Diktatur überlebt hat. Jetzt werden natürlich wieder viele sagen, der Wessi tritt uns Ossis ins Kreuz. Aber ich glaube, dass die von der SED erzwungene Proletarisierung eine der wesentlichen Ursachen ist für Verwahrlosung und Gewaltbereitschaft.

Was bedeutet „Proletarisierung“?

Mit der Kollektivierung der Landwirtschaft durch die SED in den 50er Jahren ging der Verlust von Verantwortung für Eigentum einher, für das Schaffen von Werten. Das freie, selbstveranwortliche Bauerntum wurde vertrieben.

Ist der Werteverlust durch die Kollektivierung eine hinreichende Erklärung dafür, dass ausgerechnet im dünn besiedelten Brandenburg offenbar häufiger unfassbar grausame Verbrechen verübt werden als in anderen Bundesländern, auch im Osten?

Natürlich nicht. Aber ich kann es kaum anders erklären. Ich bin gebürtiger Brandenburger, aber ich weiß nicht, wo sonst noch bei einem Teil unseres Menschenschlags die Gleichgültigkeit herkommt.

Nach dem Fund der Leiche des kleinen Dennis in einer Kühltruhe wurde den Jugendämtern mangelndes Engagement vorgeworfen. Hat sich da etwas geändert?

Es ist nicht auszuschließen, dass da noch etwas verbessert werden kann. Aber wir müssen uns mit einem viel größeren Problem auseinander setzen: Die Zahl der Kinder nimmt ab, aber nicht die der schwer erziehbaren. Da ist der Staat alleine überfordert. Wir müssen uns überlegen, wie wir die Eltern stärker einbeziehen. Zum Beispiel durch Hausbesuche, die Kindergärtnerinnen, Erzieher und Lehrer machen. Ich könnte mir sogar vorstellen, nach der Wahl ein Zeichen zu setzen und mit Eltern intensiv zu sprechen. Wenn wir nicht mit den Menschen reden, finden wir keinen Weg, der von diesen unglaublichen Verbrechen wegführt.

Das Gespräch führte Frank Jansen

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