Der Tagesspiegel : Da komm’ ich her, das zieh’ ich an

Dirndl, Kimono und Cowboyhut – immer mehr Designer setzen Folklore gegen das globale Einerlei

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Von Eva Karcher

Im Märchenstüberl kriecht Wurzelholz aus kornblumenblauem Steingut. An der Wand hängen Laubsägearbeiten, und mitten im Raum mit dem wild wuchernden Gemütlichkeits-Tand steht ein nackter Mann. Er stützt ein Bein auf eine Eckbank, deren Rücklehne mit einem farnartig gemusterten Stoff bespannt ist. Den Kopf von Juergen Teller verbirgt ein Deckenlampen-Ungetüm aus Metallstäben, die an Schuhlöffel erinnern.

Sieht so Heimat aus? Ist sie ein fensterloser Hobbykeller mit getrockneten Ähren und Beeren und Gräsern? Und was treibt einen gefeierten deutschen Modefotografen aus London zurück ins fränkische Bubenreuth?

Vor ungefähr vier Jahren begann Juergen Teller den Ort, an dem er aufgewachsen ist, zu fotografieren. Wollte plötzlich wissen, „wie die Kindheit war, wo meine Basis ist, und was das alles zu bedeuten hat“. Tellers Blick auf die Kakteen und Bahngleise, die Gartengeräte und den Wald seiner Geschichte ist derselbe, mit dem er die Werbekampagnen für Marc Jacobs oder Jigsaw fotografiert und Anwärterinnen auf den „Miss World“-Titel. Miss Philippines und Miss Estonia hatten sich nach allen Regeln des internationalen Barbie-Beauty-Appeals darum bemüht, ethnische Unterschiede zwischen sich tunlichst zu verwischen.

Ganz im Gegensatz zu dieser schamhaften Nivellierung aller Spuren der eigenen Herkunft agiert die Mode-Avantgarde des neuen Jahrtausends. Immer raffinierter spielt sie mit der Ästhetik der entferntesten und exotischsten Regionen der Welt. Sie tut es, und das ist innovativ, im Kontext der Codes des globalen Chic, dessen Lieblingsfarbe schwarz und dessen Silhouette schmal und subtil, kurzum: sophisticated ist.

Die aufregendste Begegnung von Folklore-Maximalismus und Moderne-Minimalismus inszenierte der Londoner Designer Hussein Chalayan für seine aktuelle Herbst-Winter-Kollektion. Das erste Model, das den Laufsteg betrat, trug türkische Tracht. Dann kam ein zweites, dann ein drittes hinzu. Mit jedem Mädchen verschwand ein Teil des bunten Kostüms unter dem puristischen Unisex eines schwarzen Anzugs. Farbenfreude und Ornamentfülle wurden überlagert von strenger Business-Uniform, selbstgenügsame kollektive Identität verschwand hinter indvidualistischer Selbstvergewisserung. Am Ende der Show geschah das umgekehrte Kleider-Morphing, bis ein Model wieder im türkischen Gewand allein auf dem Laufsteg stand.

Folklore als Humus

In Chalayans grandioser Performance trafen erste und dritte Welt hautnah aufeinander. Der Körper wurde zum Schauplatz der Begegnung von amerikanisch-europäischem mit dem Lebensgefühl derer, die es nicht teilen können oder wollen. Der Designer schien eine Versöhnung der Realitäten zu suchen: Folklore wurde zum vitalen Unterkleid, zu einer Art von wärmendem Humus für die selbstgefällige Oberfläche des Modern Style. Chalayan skizziert mit seinem Defilée ein Ideal, das ethnische, religiöse und soziale Gegensätze flexibel integriert, anstatt sie starr zu konfrontieren.

„Unsere Herausforderung ist, dahinter zu kommen, wie Menschen die Vorteile und die Identität ihrer eigenen Gesellschaft genießen und zugleich Teil einer größeren Gemeinschaft sein können", schrieb der frühere US-Präsident Bill Clinton unlängst in dieser Zeitung. Das wichtigste Thema der Gegenwart beschäftigt zunehmend nicht nur Politiker und Modedesigner, sondern auch Künstler, Schriftsteller, Regisseure. „In Deutschland gibt es eine tiefe Sehnsucht, das Wort Heimat wieder auszusprechen, ohne sofort missverstanden zu werden", meint etwa Matthias Hartmann, Intendant am Schauspielhaus Bochum. Vor kurzem hat er auf der Zeche Zollverein die Ruhrtriennale mit „Deutschland, deine Lieder" eröffnet, einer musikalisch-poetischen Revue, in deren Mittelpunkt der Monolog „Vatersprache" des Münchner Dramatikers Albert Ostermaier steht. Hartmann ist sich sicher, dass die Frage „Wo komm ich her, wo geh ich hin in immer mehr Menschen brodelt" und dazu führt, „wieder nach eigenen Bildern, Tönen und Texten für diese sinnliche, lebenskluge Lust" zu suchen, sich den eigenen Wurzeln zu nähern, „ohne dabei das zwiespältige Gefühl von Stolz oder Scham zu haben.“

Wie also kann ein Gleichgewicht von globalen und lokalen Traditionen und Werten gelingen? Was bedeutet Heimat in einer globalisierten Welt? Kann die Monokultur der Marken mit ethnischer Vielfalt harmonieren? Die Mode, zu saisonal wechselnder Kreativität gezwungen, bietet ein gutes Training, sich im intelligenten Crossover der Stile aus den verschiedensten Winkeln der Kontinente zu üben, ohne die Balance zu verlieren. So signalisiert Bernhard Willhelm, der in Ulm geborene, in Paris etablierte Vorreiter eines kuschelig-kindlichen Patchwork-Puzzles aus Tiroler Hut, Kimono, Küchenschürze, Rüschenbluse und Clownskostüm auch mit seiner neuen Kollektion, dass es keine Grenzen mehr gibt, dafür jedoch präzise Nähte zwischen zum Teil ironisch-kakophonisch kombinierten Ornamenten.

John Galliano für Dior und Christian Lacroix, Gimmo Etro und Jean Paul Gaultier beherrschen das Sampling von rustikalen und durchscheinenden Stoffen, Spitzen und Schnüren, Stulpen, Schleifen, Fransen und Perlen, Petticoats und Eskimostiefeln, peruanischen Strickmützen mit Irokesenkamm und Saris, ungarischen Stickereien auf mongolischen Pelzmänteln, Mexiko und Afrika, Pareo, Parka und Poncho, Straußenfedern und Coyote-Fell mit großer Noblesse.

Vor allem Galliano gelingt ein visionäres Ethno-Konzept, in dem sich orgiastische Farbenpracht, extravagante Ornamente und Muster mit Hightech- Stoffen und Schnitten der internationalen Couture elegant und stimmig verbinden. Von ihm kann man lernen, wie man zumindest modisch die Fallen von Global Trash und Ethno Kitsch meidet. Die schnappen nämlich dann zu, wenn jemand umgekehrt versucht, klassische Tracht mit Metropolen-Pop aufzumotzen. Wer das Mieder eines klassischen Tegernseer Dirndls mit aufgenähten BH-Applikationen aus Leder garniert, produziert provinzielles Spießertum. Denn die ästhetischen Impulse kommen aus den Peripherien, nicht mehr aus den Zentren der Welt.

Sinnvolle Schnittpunkte

Mode, die ja auf der Geschicklichkeit des Knüpfens, Knotens, Säumens, Webens und Spinnens beruht, beherrscht das Handwerk der Vernetzung. Wenn es darum geht, High and Low, Modern Style und Folklore, lokale und globale Phänomene zu venetzen, kann sie strukturelle Nachhilfe geben, etwa in der Frage: Wie verknüpfe ich was und warum? In einer Zeit globaler Transparenz, in der moralische wie ästhetische Grenzen verwischt werden, in der sich virtuelle und reale Räume durchdringen, scheint es destruktiv, neue Barrieren zu errichten. Statt dessen wird es notwendig, sinnvolle Schnittpunkte zu finden. Zum Beispiel die Heimat ohne ideologische Scheuklappen als Voraussetzung für Globalisierung zu entdecken. Oder modisch gesprochen, ein neues Kleid aus vertrauten und fremden Mustern zu weben.

Wie die Mode seit Mitte der neunziger Jahre Stil-Traditionen systematisch dekonstruierte, so wendet sie sich ihnen gegenwärtig wieder zu, jedoch aus einer gleichsam entschlackten Perspektive. Sie rekonstruiert sie mit ihren Feinheiten, aber auch Extremen. Nicht nur in der Mode, auf allen Ebenen der Gesellschaft gibt es eine neue Offenheit für konservative Werte. Sie ist eine Spätfolge des Autonomiezwangs der Moderne, mit jeder Art von Konvention zu brechen. Seit Anfang des Jahrtausends scheint ein Blickwechsel in Gang gekommen zu sein, dem nun die Annäherung an Werte wie Familie und Heimat aus einer gefilterten Sicht folgt.

Nicht mehr nackte Haut, sondern Charisma wirkt sexy, könnte man meinen, wenn man die Kollektionen der US-Designer für den kommenden Sommer betrachtet. Sittsamkeit ist Trumpf, Freaks und Exzentriker sind megaout: Designer Wolfgang Joop diagnostizierte unlängst im „Spiegel" eine modische „Flucht in die Vergangenheit, die nicht mehr in die Frage mündet: Was zieh ich an?, sondern: Wohin zieh ich mich zurück?"

Genau in diese depressive Retro-Haltung darf die Sehnsucht nach den eigenen Wurzeln im globalen Nirgendwo und Überall aber eben nicht umkippen. Die Mode dieser Saison macht jedenfalls Mut. Sie flüstert uns vor allem eine Einsicht ins Ohr: Sind wir nicht alle ein bisschen Minderheit?

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