Der Tagesspiegel : Das Abfuhrmittel

Man will beim Flirten nicht gemein sein oder arrogant wirken Warum es Frauen schwer fällt, Körbe zu verteilen – und warum sie es trotzdem tun

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Fotos: Spieckermann-Klaas / Illustration: Kitzinger

Ich hatte schon länger aus den Augenwinkeln verfolgt, dass Martin mich beobachtete, während ich in der Galerie herumspazierte und mir die Bilder ansah. Er stieg mit einer relativ doofen Frage ein, nämlich wo man einen Übersichtsplan der ausgestellten Bilder bekommen könne. Wir standen direkt vor einem Stapel Lagepläne. Wir unterhielten uns trotzdem, über Filme, über unsere Jobs, über Reisen – was ich nutzte, um ein Anekdötchen aus dem letzten Urlaub mit „Mein Freund und ich“ einzuleiten. Ich gab ihm meine Nummer, weil mir auf die Frage „Kann ich deine Nummer haben?“ nie eine gute Antwort einfällt, die das Wort „Nein“ mit Watte umkleiden könnte.

Am nächsten Tag erhielt ich eine SMS: „Sehr interessantes Gespräch gestern, wollen wir es am Sonntag vertiefen? Martin.“ Ich antwortete: „Och. Lieber nicht, viele Grüße.“ Die nächste SMS lautete: „Willst du mich wiedersehen? Wenn ja, wann?“ Hätten wir telefoniert, hätte ich den Korb mit „Och, hm, hüstel, najaalso…“ eingeleitet. So aber schrieb ich: „Ich denke nicht.“ Ein Wiedersehen mit Martin stand aus mehreren Gründen nicht auf der Agenda: Ich befinde mich in einer Beziehung, mein Drang nach einer Affäre ist nicht erkennbar, und Martin war mindestens fünf Zentimeter kleiner als ich und trug eine Hose aus Leder.

Er meldete sich nicht mehr. Ich fühlte mich schuldig und hielt mich kurzzeitig für garstig, unsensibel und arrogant. Allerdings finde ich, meine erste, eher vage SMS in Kombination mit der „Mein Freund und ich“-Nummer hätte Martin schon Klarheit verschaffen können, ja müssen. Er hätte sich die deutliche Abfuhr erspart. Und mir auch.

In Sebastian Lebers Buch „Abgeblitzt“, aus dem an dieser Stelle vor kurzem ein Auszug zu lesen war, erzählen 33 Männer davon, was für schlimme Depressionen, Selbstzweifel und Selbsthass Frauen mit Körben auslösen. Einen Korb mit einer Prostata-Operation gleichzusetzen, wie es einer der abgeblitzten Männer tut, halte ich aber für einen kühnen Vergleich. Man muss es doch mal so sehen: Es hat so viel mit Zufall zu tun, mit Glück, mit Fügung, ob es zwischen zwei Menschen funktioniert, ob bei beiden der Wunsch entsteht, ein Gespräch fortzusetzen oder zumindest Sex zu haben. Frauen, die nach einem „Ich nehme, was kommt“-Prinzip verfahren, würden die meisten Männer doch auch nicht über den Weg trauen. Außer es geht um schnellen, unkomplizierten Sex.

Die meisten Frauen hassen es, Körbe verteilen zu müssen; sie leiden, sie winden sich. Ich bin manchmal fast sauer auf Männer, weil sie mich immer wieder in diese Bredouille bringen. Natürlich gibt es jene Frauen, die schon tourettemäßig „Verpiss dich, du Arschloch“ brüllen, wenn ein Mann versehentlich in ihre Richtung guckt. Aber das sind wirklich Ausnahmen.

Generell gilt eher: Frauen lassen sich nicht mehrmals bitten. Wenn sie jemanden wirklich wiedersehen wollen, dann wären sie schön blöd, durch künstliches Rarmachen zu riskieren, nicht interessiert zu wirken. Desinteresse wird also Desinteresse bleiben. Das mögen viele Männer nur leider nicht akzeptieren.

Besonders schlimm ist das Korbverteilen, wenn ihn jemand kriegt, der sich ehrlich Mühe gegeben hat, der charmant gebuhlt hat und nicht wie eine lächerliche Wurst. Im Wurst-Fall ist es einfach. Je plumper eine Anmache, desto leichter geht der Korb von der Hand. Ich wage mal zu behaupten: Wer sich als Mann Einstiege wie „Mir gefällt dein Gesicht. Ich will dich kennenlernen“ leistet, muss schon ein Wiedergänger von Paul Newman sein. Holprige, ungeschickte Einstiege wie den von Martin in der Galerie verzeihen Frauen nur, wenn sie den Mann einigermaßen interessant finden.

Je zufälliger, nebensächlicher ein Gespräch zustande kommt, desto mehr steigt ein Mann in der Achtung der meisten Frauen. Weil sie sich nicht so offensichtlich zum Anbagger-Objekt gemacht fühlen. Generell sei hier beteuert, dass Frauen es den Männern gar nicht hoch genug anrechnen können, dass sie immer wieder ihr Innerstes nach außen kehren und immer wieder riskieren, blöd dazustehen. Hier also die ausdrückliche Ermutigung, es auf gar keinen Fall bleiben zu lassen. Sonst würde die Menschheit ja aussterben. Oder, noch schlimmer, Frauen müssten selbst aktiv werden.

Sebastian Leber sagt, Frauen würden die ehrlicheren Körbe verteilen. Dabei ist es eigentlich so, dass wir galante Abgänge bevorzugen würden. Ehrlich werden wir, weil uns die Männer oft keinen anderen Ausweg lassen. Falls sich jemand gefragt hat, warum ich bei Martin nicht die ehrliche „Ich hab übrigens einen Freund“-Keule benutzt habe: Sie ist mir als Werkzeug generell zu grob. Und zu plakativ. Ich hätte Angst, am Ende könnte ein Mann tatsächlich nur authentisches Interesse am Thema meiner Magisterarbeit haben – und ich halte mich derweil peinlicherweise für unwiderstehlich.

Die ehrliche Antwort im Falle Martin – „Entschuldigung, aber ich bin in festen Händen, um trotzdem eine Affäre anzufangen müsstest du eindeutig mehr Haare auf dem Kopf haben, 20 cm größer sein und dürftest unter keinen Umständen eine Hose aus Leder tragen“ – wäre gemein und unnötig verletzend gewesen. Oft sind es ja Details, die einen spüren lassen, dass es einfach nicht passt: die Art, wie jemand über seine eigenen Witze lacht; wie er sein Hemd in die Jeans steckt. Solche Sachen sind Stellvertreter, feine Signale dafür, dass eben kein Funken überspringen wird. Trotzdem für mich kein Grund, einen Korb mit „Ich mag die Art nicht, wie du lachst“ einzuleiten. Männer müssten ein „Danke, lieber nicht“ akzeptieren, damit es nicht so weit kommen muss. Und ich kann nur appellieren, einen Korb als das zu nehmen, was er ist: Das wahrscheinliche Ergebnis eines Anbaggerversuchs. Nicht mehr. Deshalb auf gar keinen Fall beleidigt sein. Beleidigte Männer sind nämlich das Allerletzte. Noch schlimmer als Männer, die Hosen aus Leder tragen.

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