Der Tagesspiegel : Das billige Paradies jenseits der Oder Tanken, einkaufen oder preisgünstig essen – viele Deutsche sind Stammkunden auf den Polenmärkten

Claus-Dieter Steyer

Hohenwutzen – Figo, Beckham, Zidane oder Ballack – die Trikots mit den Namen der Stars finden trotz der Misserfolge ihrer Teams bei der Fußball-EM reißenden Absatz. Doch während die Käufer in den hiesigen Sportfachgeschäften schon mal 30 Euro hinblättern müssen, kostet so ein Trikot auf den Billigmärkten in den polnischen Grenzstädten nur die Hälfte – nach einem kurzen Feilschen vielleicht sogar nur ein Drittel. Natürlich hält die Qualität keinem Vergleich und schon gar keinem Waschgang stand, aber gegen die Freude über einen vermeintlich guten Kauf hat der Verstand keine Chance. Noch mehr freuen sich allerdings die Händler und Markenpiraten. Denn die fast ausschließlich deutschen Käufer, die im eigenen Land ihre Geldbeutel nur zurückhaltend öffnen, schlagen auf den polnischen Basaren kräftig zu.

Vor allem an den Verkaufsbuden hinter den von Berlin aus schnell zu erreichenden Grenzübergängen in Hohenwutzen (Bundesstraße 158), Küstrin (B 1), Frankfurt (Autobahn A 12) sowie Stettin (A 11) herrscht täglich Hochbetrieb. Auslöser sind vor allem die nach wie vor hohen Benzinpreise in Deutschland. Bei Aral hinter der Oderbrücke von Hohenwutzen kostet der Liter Super bleifrei 89,5 Cent, der Berliner und Brandenburger Durchschnitt lag gestern bei 1,16 Euro. Da von der Preisersparnis allerdings die Ausgaben für die 120 bis 200 Kilometer lange An- und Abfahrt abgerechnet werden müssen, packen viele Autofahrer noch Reservekanister in den Kofferraum. „Erlaubt ist neben der Tankfüllung nur ein zusätzlicher Behälter für 20 Liter", sagt Astrid Pinz, Sprecherin des Hauptzollamtes Frankfurt (Oder). Wer bei Stichproben mit einer größeren Menge erwischt werde, müsse für jeden weiteren Liter Steuern nachzahlen – 47,04 Cent für Diesel und 65,45 Cent für Benzin. Das fällt bei 120 Litern, die kürzlich eine Familie über die Grenze schmuggeln wollte, schon ins Gewicht.

Die Mehrheit der Tanktouristen begnügt sich jedoch mit der zulässigen Menge. Sie kommen einfach jede Woche zum Einkauf zurück. Vor allem für die vorwiegend älteren Besucher ist der Ausflug zum Nachbarn ein Ritual. Da spielen die Wartezeiten – gerade auf der B 158 hinter Bad Freienwalde – keine Rolle. Am Wochenende ist die Autoschlange aus Berlin fünf bis zehn Kilometer lang.

Nach dem Tanken stürzen sich die Besucher ins Einkaufsgewühl. Zigaretten – erlaubt sind pro Person zwei Stangen – Getränke, Obst, Gemüse, Käse und Wurst finden sich fast in jeder Tasche. Aber auch Fahrräder, Korb-Möbel, Werkzeuge, Gartengeräte, Gartenzwerge oder Schuhe wechseln den Besitzer. Viele Kioske bieten Bekleidung an, von Dessous bis zur Lederjacke. Der Preise liegen auf dem Niveau der gefälschten Trikots mit den Namen der Fußballstars.

Noch mehr sparen kann der Gast beim Friseur oder in der Gaststätte. In Stettiner Einkaufsmärkten lockt derzeit eine deutschsprachige Fahrschule mit einem scheinbar unschlagbaren Angebot: „Für 999 Euro zum Pkw-Führerschein, einschließlich Übernachtung, Verpflegung und Ostseeurlaub", verheißt ein Plakat. Einige Dutzend Deutsche haben sich bereits angemeldet, verlautete aus der Stettiner Fahrschule. Doch viel wert sind die Lappen nicht. In Deutschland besitzen sie gar keine Gültigkeit. Darauf verweist das Bundesverkehrsministerium. Nur wer mindestens 185 Tage im Jahr in einem anderen EU-Land amtlich gemeldet sei, könne einen EU-Führerschein rechtmäßig erwerben.

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