Der Tagesspiegel : Das Christkind wünscht Gesundheit

Claus-Dieter Steyer

Am Heiligen Abend kann sich das sorbische Christkind zur Ruhe setzen. Die Familien bleiben unter sich. Selbst ein Weihnachtsmann klopft an keine Tür. So besagt es der Brauch in der Region rund um das Dorf Schleife, fünf Kilometer hinter der Brandenburger Landesgrenze zu Sachsen bei Spremberg gelegen. Dennoch werden natürlich auch hier Geschenke verteilt. Das Christkind habe sie eben bei seinem Besuch in den Tagen zwischen dem zweiten und dem vierten Advent gebracht, erhalten die Kinder zur Antwort auf ihre Fragen.

Seit Jahrhunderten pflegen die evangelischen Kirchengemeinden der Sorben diese Tradition. Nur zu DDR-Zeiten erhielt "boze dzeco", wie das Christkind auf Sorbisch heißt, in den offiziellen Verlautbarungen einen anderen Namen. Plötzlich war in den Zeitungen, im Rundfunk und Fernsehen nur noch vom "Bescherkind" die Rede. Der letztlich kläglich gescheiterte Versuch der Propagandisten, die Begriffe Weihnachten, Christkind und Engel zurückzudrängen, machte selbst um diese Gegend keinen Bogen.

Damit das "Christkind" - unter einem dichten Schleier verbirgt sich in der Regel eine junge Frau - den Weg zu den Kindern und Erwachsenen findet, helfen ebenfalls mit einer Tracht bekleidete und mit einer Laterne ausgestattete Mädchen. Mit einer Glocke am Arm kündigt es sein Erscheinen an. Die eigentliche Zeremonie verläuft in großer Stille, wie die Weihnachtsfeier der Lehrer an der Grundschule zeigt. Langsam tritt das Christkind vor jeden Erwachsenen und berührt es mit der "Lebensrute" aus Birke und Ginster auf der linken Schulter. Sanft streicht es danach mit dem Handschuh über die Wangen. "Es bringt Gesundheit und Wohlergehen", sagt die Chefin des Sorbischen Kulturzentrums in Schleife. Als bescheidenes Geschenk gibt es einen Schoko-Tannenzapfen.

Danach versteht der Gast kein Wort mehr. Denn die Lehrer unterhalten sich in sorbisch über die Tracht des Christkindes. Nur durch das Zeigen auf die vielen bunten Bänder und Schleifen ist das Gespräch einigermaßen zu deuten. Eine mit Stecknadeln auf dem Rücken befestigte blaue Schleife steht im Mittelpunkt. Der Schleifer Pfarrer hat sie 1918 gesegnet und dem damaligen Christkind angesteckt.

Die Schüler der ersten und zweiten Klasse dagegen können in der Runde durchaus mitreden, denn bis zu acht Stunden wöchentlich lernen sie in Schleife die sorbische Sprache.

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