Der Tagesspiegel : Das Ende der Mir: Keine Tränen

Alexander Pajevic

Wladimir Emdin hat keine Probleme mit dem kontrollierten Absturz der Mir. Genauere Kenntnisse habe er zwar nicht - "ich habe auch nur die gleichen Informationsquellen wie alle anderen" - aber da beim letzten Steuerungsmanöver der Raumstation die Fähre Progress beteiligt sei, könne er alle Ängstlichen beruhigen. "Das ist eine alte und sichere Technik", sagt Emdin, der es wissen muss: Der promovierte Ingenieur, der seinerzeit am Zentralinstitut für Raumfahrt der UdSSR Abteilungsleiter war, hat an der Mir mitgearbeitet.

Heute lebt der 59-Jährige als jüdischer Kontingentflüchtling im brandenburgischen Potsdam. 1995 ist Emdin mit seiner Frau Olga Anzis und dem heute 20 jahre alten Sohn nach Deutschland gekommen. Die Gründe, die sie damals dazu veranlasst haben, sind oft genannt: die gesellschaftliche Situation in Russland, der Antisemitismus dort und der Wunsch, dem eigenen Kind eine bessere Zukunft in einem demokratischen Land zu ermöglichen. Er hat seine Entscheidung, Russland zu verlassen, nie bereut. "Ich bedauere es, dass ich das Land so spät verlassen habe", sagt er, "sonst hätte ich hier noch etwas erreichen können. Jetzt bin ich zu alt."

Während dieser Tage Hobbyastronauten die Abende vor Kälte zitternd auf dem Balkon verbringen, um einen Blick auf die letzten Bahnen der Mir zu erhaschen, will sich Emdin an dem ganzen Rummel nicht beteiligen. An einer Abschiedsparty für die MIR in der Disco eines Nobelhotels am Berliner Gendarmenmarkt will er nicht teilnehmen. "Ich kann nicht sagen, dass ich um sie weine. Aber fünf Jahre meines Lebens waren sehr eng mit ihr verknüpft."

Nach dem Doppeldiplom als Mathematiker und Ingenieur ging Emdin in die Weltraumforschung und arbeitete ein Vierteljahrhundert an dem "Institut Nummer 88" in Kaliningrad bei Moskau - heute das russische Raumfahrtkontrollzentrum. 1980 entwickelte er dort eine optische Kontrolle für Andockmanöver im Kosmos und war später als Leiter einer Abteilung tätig, die unter anderem die Steuerung für die Mir entwarf. 1990 schrieb er noch einen letzten Flugplan für das Modul Kwant, kündigte dann und stellte einen Ausreiseantrag. Bis er fünf Jahre später nach Deutschland kam, leitete er unter anderem ein Softwareunternehmen - und begann, mit seiner Familie Deutsch zu lernen. Sie wollten vorbereitet hier ankommen. "Ich wusste, dass die Sprache wichtig ist," sagt Emdin.

Und auch wenn er selbst vielleicht am meisten Schwierigkeiten mit dem Deutschen hatte, hat sich die Familie tatsächlich schnell integrieren können. Anzis arbeitet als Buchhalterin in einem Unternehmen der Biotechnologie und hat eine Fortbildung als Bilanzbuchhalterin absolviert; Wladimir junior hat im vergangenen Jahr in Potsdam das Abitur abgelegt und studiert jetzt in Berlin Informatik. Emdin, nach einer Zeit als Integrationsbeauftragter der Landesgemeinde derzeit arbeitslos, engagiert sich in der Jüdischen Gemeinde: Er ist Mitglied im Vorstand der Gemeinde Potsdam und hat zu Beginn des Jahres mit ein paar Gleichgesinnten die "Integrationsinitiative Jüdische Imigranten" gegründet - eine Selbsthilfegruppe.

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