Das Ende einer Kolummne : Mach’s gut, Paul!

Vor fast sechs Jahren begann im Tagesspiegel eine Kolumne über den Pubertisten, Paul. Der ist in die Jahre gekommen. Ein Abschied

Helmut Schümann

Vor ein paar Tagen saßen der jüngere Mann und der ältere Mann mal wieder beim Bier zum Männergespräch beisammen. Paul, der vormalige Postpubertist und noch vormaligere Pubertist war komplett neu gestylt zum Treffen gekommen. Die Dreads sind ja schon länger ab. Käppi auf dem Kopf, quer gestreifte Jacke, leichte, coole Sommerhose, Schuhe, so eine Art Seglerschuhe, sah aber alles zusammen ganz gut aus, der Bub. „New look?“, fragte der Vater.

„Gut, oder“, sagte Paul.

„Und was ist mit der Parka und den Stickern ’Nazis raus’?“, fragte der Vater.

„Habe ich schon auch noch, ziehe ich auch an“, sagte Paul. „Kommen gut an, die neuen Klamotten.“

„Bei den Frauen“, sagte der Vater.

„Jau“, sagte Paul.

„Und das hat jetzt Priorität?“, fragte der Vater.

„Unbedingt“, sagte Paul.

„Und die politische Aufklärung?“, fragte der Vater.

„Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, sagte Paul. „Das kommt dann aber nicht in die Zeitung.“

„Wir machen ohnehin Schluss“, sagte der Vater.

„Du meinst, dein Erziehungsauftrag ist beendet?“, fragte Paul.

„Wahrscheinlich ist er gescheitert“, sagte der Vater.

„Sehr witzig, der Herr Vater heute mal wieder“, sagte Paul, „sehr witzig.“

„Ich meine, wir verabschieden Paul“, sagte der Vater, „fast sechs Jahre sind genug.“

„Jau“, sagte Paul.

Im September 2001 erschien auf der Tagesspiegel-Seite ’Tagestipps’ unter der Rubrik ’Was machen wir heute’ erstmals eine Kolumne, die Teile des Lebens von Paul und seinen Eltern zum Inhalt hatte. Paul war einen Monat zuvor 14 Jahre alt geworden, pubertierte heftig, und diese Pubertät, Pauls Qualen und Freuden daran, und vor allen Dingen die Leiden der Eltern an den hormonellen Achterbahnfahrten ihres Sohnes wurden das Thema der Kolumne.

Paul, das ist ein Pseudonym. Paul hatte sich das damals ausbedungen, und er hatte für sich auch ein Vetorecht reklamiert, was die Themenauswahl anging, und – selbstverständlich – auch das Erstleserecht vor der Publikation. Die Kolumne erschien alle drei Wochen. Nach der zweiten Folge lüftete Paul – zumindest im Freundeskreis seiner Schulklasse, ein Geheimnis: „Du“, sagte Paul zu seinem Kumpel Lukas, „der Paul, über den du da im Tagesspiegel lesen kannst, das bin übrigens ich.“

Beim Männergespräch hatte der Vater noch ein Bier geordert. „Außerdem geht mir der Stoff aus“, sagte der Vater.

„Soll ich mein Zimmer wieder verwüsten?“, fragte Paul.

„Das geht doch gar nicht mehr“, sagte der Vater.

„Ich kann es ja mal zur Abwechslung aufräumen“, sagte Paul.

„Das wäre dann kein Stoff für eine Kolumne, sondern eine Sensationsnachricht“, sagte der Vater.

„Ach, Gottle, wie lustig, was habe ich gelacht“, sagte Paul, „du kannst ja über deine Unbeholfenheit vor dem Laptop berichten. Kannst du jetzt schon unfallfrei mailen, wenn ich nicht da bin?“

„Der Leser damals hatte doch Recht“, sagte der Vater, „der, der mir empfahl, dir eine runter zu hauen.“

„Der konnte ja nicht wissen“, sagte Paul, „dass ich schon damals zwei Köpfe größer war als du.“

„Im Sitzen komme ich schon noch ran“, sagte der Vater.

„Las ich nicht kürzlich bei dir, dass der Homo sedativus nicht randaliert?“, fragte Paul.

Vor ein paar Wochen hatte der Vater in der Kolumne angekündigt, dass diese Kolumne auf der Zielgerade sei. Eine freundliche Familie, die Paul offensichtlich über all die Jahre begleitet hatte, schrieb damals einen herzlichen Brief und forderte den Vater auf, ein weiteres Kind in die Welt zu setzen, wahlweise den Postpubertisten dazu zu bewegen, es selbst zu tun. Der Vater hatte um Erbarmen gebeten und sich ausgemalt, wie das mit seinem Paul so sein würde als Opa. So höchstwahrscheinlich:

„Du Papa“, wird Paul sagen, „hör mal.“

„Mhmm“, wird der Vater (Opa) sagen.

„Wenn ich mich recht erinnere“, wird Paul sagen, „hast du doch, als ich noch Pubertist war, also bevor ich Postpubertist war...“

„Paul, bitte“, wird der Vater (Opa) sagen, „mach es nicht so kompliziert. Was willst du?“

„Nun mal langsam“ wird Paul sagen, „kommt im Alter nicht die Geduld und Gelassenheit?“

„Wenn du willst“, wird der Vater (Opa) sagen, „kann ich auch auflegen.“

„Ruhig Blut“, wird Paul sagen, „reg' dich nicht auf“, wird er sagen, „denk auch mal ans erhöhte Herzinfarktrisiko ab 51.“

„Brut“, wird der Vater (Opa) sagen, „missratene Brut.“

„Also wenn ich mich recht erinnere“, wird Paul dann sagen, „hast du damals stets gesagt, dass nur Eltern, die auch mal ausgehen dürfen, gute Eltern sein können.“

„Oha“, wird der Vater (Opa) sagen, „mir schwant Ungemach.“

„Na ja“, wird Paul sagen, „und heute wollen Sophie (oder Anne, Lena, Lisa, Jane, Sarah oder wie auch immer die Kindsmutter dann heißen wird, der Postpubertist will sich noch nicht so recht festlegen) und ich ausgehen und dann könntet ihr doch...“

„Halt, halt“, wird der Vater (Opa) sagen, „wir haben heute Theaterkarten.“

„Aha“, wird Paul sagen, „und nur weil ihr Theaterkarten habt, sollen wir jetzt schlechte Eltern sein.“

Der Vater (Opa) wird daraufhin gar nichts sagen.

„Habt ihr das bei mir auch so gemacht“, wird Paul fragen.

„Ph“, wird der Vater (Opa) sagen, „du warst immer das Wichtigste. Und außerdem gab es keine Oma und keinen Opa, der auf dich aufgepasst hätte.“

„Und da wunderst du dich“, wird Paul sagen.

„Worüber?“, wird der Vater (Opa) fragen.

„Dass ich“, wird Paul sagen, „eine missratene Brut geworden bin?“

„Mhngmanney“, wird der Vater (Opa) sagen.

„Was bist du so still?“, fragte Paul beim Männergespräch.

„Ich habe über etwas nachgedacht“, sagte der Vater.

„Das soll ja manchmal helfen“, sagte Paul.

„Oh, Mr. Obercool“, sagte der Vater, „pass mal auf, dass du von deinem hohen Ross nicht auch mal runterfällst.“

„Aber eigentlich waren diese fast sechs Jahre doch auch lustig“, sagte Paul, „so als Pubertist und Postpubertist.“

„Für dich vielleicht“, sagte der Vater.

„Komm“, sagte Paul, „gib zu, du hast doch auch gelacht.“

„Hinterher“, sagte der Vater, „wenn deine Schandtaten zu Papier gebracht waren.“

„Mhngmanney“, sagte Paul, „von wegen Schandtaten, so schlimm war ich gar nicht. Nur so wie alle.“

„Eben“, sagte der Vater.

„Pubertät“, sagte Paul, „ist die Zeit, wenn Eltern schwierig werden. Dass ihr immer übertreiben müsst.“

„Ich habe nicht übertrieben“, sagte der Vater, „alles hat sich so abgespielt.“

„Als wenn ich stundenlang die Telefonleitung blockiert hätte“, sagte Paul.

„Stimmt“, sagte der Vater, „es war tagelang. Von dem Geld könnte ich mir heute wahrscheinlich eine Yacht kaufen.“

„Du bist doch gar kein Segler“, sagte Paul.

„Oder einen Motorroller“, sagte der Vater.

„Du kannst dir doch meinen ausleihen“, sagte Paul.

„Gute Idee“, sagte der Vater.

„Äh“, sagte Paul, „da fällt mir noch etwas ein...“

„Nee, ne?“ sagte der Vater.

„Doch, ja“, sagte Paul, „äh, der Roller ist gerade kaputt und ich habe kein Geld...“

„Nee, ne?“, sagte der Vater, „weiß Mama schon davon?“

„Ja“, sagte Paul.

„Und was hat sie gesagt?“, fragte der Vater.

„Nee, ne?“, sagte Paul.

„Prost“, sagte der Vater.

„Aber ein bisschen hast du doch übertrieben“, sagte Paul.

„Nein“, sagte der Vater, „du wirst es erleben, hoffentlich noch nicht so bald.“

„Habe ich nicht vor“, sagte Paul, „obwohl, ihr habt ja jetzt Erfahrung mit Pubertisten, da könnt ihr ja die Erziehung übernehmen.“

„Mit dem Entsetzen treibt man keine Scherze“, sagte der Vater.

„Du meinst, mein Leben als transparente Person ist also nun jetzt vorbei“, sagte Paul.

„Du warst doch keine transparente Person“, sagte der Vater, „du warst eine exemplarische Person.“

„Du hast alles über mich ausgeplaudert“, sagte Paul, „mein Aufräumverhalten...“

„...da gab es ja keins“, sagte der Vater...

„...mein Essverhalten“, sagte Paul...

„...Fressverhalten“, sagte der Vater, „in der ersten Zeit.“

„Mein Trinkverhalten“, sagte Paul...

„...das mit dem anschließenden Bäuerchen?“, fragte der Vater.

„Ich habe schon lange nicht mehr gerülpst“, sagte Paul.

„Großartig“, sagte der Vater, „dann haben Mama und ich ja wenigstens diesen Erziehungsauftrag erfüllt.“

„Du hast von meinen ersten Rasurversuchen berichtet“, sagte Paul.

„Ja“, sagte der Vater, „vom Stochern im Nichts.“

„Von der Schule“, sagte Paul.

„Ja“, sagte der Vater, „vom Stochern im Nichts.“

„Hört, hört“, sagte Paul.

„Wir sind auch nicht immer gut weg gekommen“, sagte der Vater, „Mama und ich.“

„Gut“, sagte Paul, „das hat die Kolumne ja auch für mich erträglich gemacht. Sonst hätte ich vom Vetorecht öfter Gebrauch gemacht. Nicht nur bei meinem ersten Mal.“

Im Jahre 2004 erschienenen die Kolumnen auch als Buch. „Der Pubertist. Überlebenshandbuch für Eltern.“ Auf den Lesungen, die Paul und der Vater im Duett bestritten, unter anderem auch im Tagesspiegel-Salon, wurde Paul häufig gefragt, wie er das denn fände, dass so über ihn berichtet wurde. Er antwortete, dass er nichts dagegen habe, wohl aber die kleine Rache in den kleinen, von ihm angefertigten Karikaturen. Die Leser und Zuhörer hingegen bestätigten den Vater in der Annahme, dass Paul wohl Individuum ist, aber eben auch exemplarische Person der Spezies Pubertist. „Das macht meiner auch!“

„Jetzt guck nicht so traurig“, sagte Paul beim Männergespräch.

„Na ja“, sagte der Vater mit etwas belegter Stimmer, „mit dem Ende der Kolumne geht ja auch ein Abschnitt von uns zu Ende.“

„Ich bleib doch noch euer Sohn“, sagte Paul.

„Immer“, sagte der Vater, „aber du musst jetzt alleine gehen.“

„Ich habe ja auch noch Phini“, sagte Paul.

Phini, dachte der Vater, der alte Stoffdelfin, der noch aus der Zeit vor der Rechtschreibreform stammte und den Paul aus der Vorpubertät in die Nach-Postpubertät gerettet hatte.

„Nimmst du ihn mit?“, fragte der Vater.

Paul plant eine kleine Weltreise, in Australien soll es losgehen. „Weiß noch nicht“, sagte Paul, „kann sein.“

Der Vater schluckte.

Paul blinzelte.

„Und dann?“, fragte der Vater.

„Ich weiß es wirklich noch nicht“, sagte Paul, „Germanistik studieren vielleicht.“

„Mach nicht alles wie ich“, sagte der Vater.

Aber er schluckte dabei schwer.

Paul blinzelte wieder.

„Komm, wir trinken noch ein Bier“, sagte Paul.

„Nach fast sechs Jahren“, sagte der Vater, „sollten wir uns irgendwie anständig verabschieden.“

„Du meinst“, sagte Paul, „wir sollten uns nicht einfach so aus der Zeitung schleichen.“

„Ja“, sagte der Vater.

„Dann mach doch eine ’Wie uns die Zeiten ändern’-Seite“, sagte Paul, „ich bin älter geworden, du bist älter geworden...“

„...ich nicht“, sagte der Vater.

„Stimmt“, sagte Paul, „das warst du ja schon immer.“

„Ich bin vernünftiger geworden“, sagte Paul.

„Na ja“, sagte der Vater.

„Du bist gelassener geworden“, sagte Paul.

„Na ja“, sagte der Vater.

„Mama ist gelassener geworden“, sagte Paul.

„Jau“, sagte der Vater.

„Also machen wir die Seite?“, fragte Paul.

„Und du machst die Zeichnungen dazu“, sagte der Vater.

„Mach’ ich“, sagte Paul, „welche Motive?“

„Na ja“, sagte der Vater, „ein Abschiedsbild, vielleicht eins von den Männergesprächen. Und dann mach doch noch eins nach dem Abitur.“

„Mach’ ich“, sagte Paul.

Ein paar Tage später hatte Paul die Bilder fertig. Ein Motiv konnte keine Verwendung finden. Es ist nämlich in der Abiturprüfung etwas völlig Unvorhersehbares und Unerwartetes und Enttäuschendes dazwischen gekommen. Paul muss seine Weltreise und all seine anderen Pläne noch um ein Jahr verschieben.

„Das Leben geht weiter“, sagte der Vater.

„Das Leben geht weiter“, sagte die Mutter.

„Mhngmanney“, sagte Paul, „ich habe ganz schönen Mist gebaut.“

Mach’s gut Paul!