Der Tagesspiegel : Das Faustrecht der Verlierer

Thorsten Metzner

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Was Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) in der jüngsten Polizeistatistik verkündete, passt auf den ersten Blick nur schwer zusammen: Erfreulicherweise geht die Kriminalität in Brandenburg zurück, es werden beispielsweise weniger Autos und Fahrräder gestohlen. Aber gleichzeitig nehmen die Gewaltdelikte weiter zu, sogar in erschreckendem Maß.

Jörg Schönbohm, der wertkonservative Innenminister, sieht die tieferen Gründe für wachsende Gewaltkriminalität in einer generellen „Verrohung“ der Gesellschaft. Es stimmt sicher, dass immer noch zu viel weggeschaut wird, dass es durchaus auch eine Verbindung zwischen dem Kriminalitätsniveau und dem Bildungsniveau gibt. Vielleicht liegt das Kernproblem trotzdem tiefer – in der zunehmenden Differenzierung der Brandenburger Gesellschaft, die vor 16 Jahren nach dem Zusammenbruch der DDR homogen war, ohne die jetzigen großen sozialen Unterschiede. Inzwischen gibt es große Unterschiede – zwischen einer durchaus wachsenden Mehrheit von „Erfolgreichen“ und einer ebenfalls wachsenden Minderheit von „Verlierern“, die keine Perspektive sieht.

Alarmieren muss, wie stark dieser Trend bei Jugendlichen wahrzunehmen ist: Auch hier stehen viele schon früh auf der Verliererseite. Sie halten das Tempo nicht mit, sie verweigern den Schulbesuch, sind gewaltbereit, denken rechtsextrem. Es sind junge Leute, die, wenn Politik ehrlich ist, schon seit längerem niemand mehr beeinflusst. Die Schule nicht, die Polizei nicht, die Eltern nicht, die oft selbst in sozial schwierigen Verhältnissen leben, ohne Orientierungen sind.

Man könnte sagen: Es hat sich in Brandenburg inzwischen eine Parallelgesellschaft herausgebildet, in der das Faustrecht regiert. Die Folgen spiegeln sich in der Kriminalstatistik wider: Jeder zweite Täter, der zuschlägt, der andere bedroht oder verletzt, ist jünger als 21 Jahre. Man muss sogar befürchten, dass durch die demografische Entwicklung das Problem nicht abnehmen, sondern noch zunehmen wird.

Die Hoffnung, dass weniger Jugendliche automatisch zu weniger Jugendgewalt führen, erfüllt sich offenbar nicht. Was getan werden muss? Fest steht, dass sich dieses Land, das schon bald händeringend Facharbeiter suchen wird, junge „Verlierer“ gar nicht leisten kann. Brandenburg muss sich um seine Problemkinder kümmern – so früh, so individuell, so differenziert wie möglich.

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