Der Tagesspiegel : Das Kriegsbeil im Nationalpark ist begraben

CLAUS-DIETER STEYER

Unteres Odertal: Naturschützer geben Widerstand gegen Bau eines neuen Grenzübergangs auf / Polen stellt Projekt in FrageVON CLAUS-DIETER STEYER SCHWEDT.Die Naturschützer im Nationalpark Unteres Odertal haben ihr Kriegsbeil begraben.Sie wollen keine Konfrontation mehr mit Bürgermeistern, Gewerkschaftsfunktionären und Wirtschaftsbossen der Region rund um Schwedt."Wenn es wirklich zum Bau einer neuen Oderbrücke und einer Straße nach Polen kommt, werden wir bereits gekaufte Flächen in dem betreffenden Gebiet zurückgeben.Wir stellen uns nicht mehr quer", sagte der neugewählte Vorsitzende des "Vereins der Freunde des Deutsch-polnischen Nationalparkes", Thomas Berg.Er löste Helmut Gille aus Schwedt in der Vereinsführung ab. Der 38jährige Pfarrer Thomas Berg aus Lunow vollzog mit dieser Äußerung eine totale Kehrtwendung der bisherigen Haltung des Vereins.Die alte Führung hatte zugegeben, ganz bewußt Flächen von der Treuhand oder von Privatpersonen im Korridor des geplanten zweiten Schwedter Grenzübergangs gekauft zu haben.Damit wollte sie unter allen Umständen den Bau einer Straße durch die wertvolle Auenlandschaft verhindern.Sowohl Schwedts Bürgermeister Peter Schauer als auch die Geschäftsführer der drei Großunternehmen in der Stadt hatten dagegen protestiert.Eine Interessengemeinschaft gegen den Nationalpark sammelte innerhalb kurzer Zeit 7500 Unterschriften.Die Stadtväter und die Wirtschaftsleute sehen nur in einem leistungsstarken Grenzübergang die 5000 verbliebenen Arbeitsplätze in der Industrie auf Dauer gesichert.Sowohl die Raffinerie als auch die zwei Papierfabriken setzen auf den Markt in Osteuropa.Der bisherige Übergang sei dafür nicht ausreichend. Auslöser des Unmuts gegen die Naturschützer war ein sogenanntes Elchpapier des in letzter Zeit arg kritisierten Vereins der Nationalparkfreunde.Dieser Pflege- und Entwicklungsplan sah für das 10 000 Hektar große Gebiet zwischen Hohenwutzen im Süden und der Landesgrenze kurz vor Stettin im Norden weitgehende Restriktionen für die landwirtschaftliche und touristische Nutzung vor.Seinen Namen erhielt der Plan durch den Vorschlag, im Unteren Odertal wieder Elche anzusiedeln.Prompt tauchten in Schwedt Plakate mit der Frage auf, ob denn neben den Elchen auch noch Menschen im Nationalpark willkommen seien? Dieses Mißverständnis scheint jetzt durch den neuen Vereinsvorsitzenden ausgeräumt zu sein.Im Hintergrund zog offenbar Umweltminister Matthias Platzeck die Fäden.Er hatte auf zwei Diskussionen in Schwedt versprochen, sich um einen Ausgleich der Interessen von Wirtschaft und Naturschutz zu bemühen.Im Verein der Freunde des Nationalparkes sitzt neben Naturschützern und Bürgermeistern auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Birthler.Großes Gewicht erhielt der Verein durch das Bundesumweltministerium, das ihm 55,1 Millionen Mark für den Ankauf oder den Tausch von Flächen zu Verfügung stellte. Voraussetzung dieses schon 1992 erteilten Bewilligungsbescheides war die Maßgabe, 75 Prozent des Nationalparkes für die Öffentlichkeit zu sperren.Touristen, Angler und Fischer oder Landwirte sollten diese Totalreservate zum Schutz der Natur nicht mehr betreten dürfen.Das 1995 vom Brandenburger Landtag verabschiedete Nationalparkgesetz sieht allerdings nur 50 Prozent Totalreservat bis 2006 vor.Dieses Gesetz erlaubt ausdrücklich den Bau eines Grenzüberganges, ein Bescheid des Bundesumweltministeriums allerdings nicht.Der Verein fordert nun eine einvernehmliche Regelung.Er wolle nicht als Prügelknabe für unterschiedliche Festlegungen herhalten. In der Region hat der Wechsel an der Vereinsspitze Erleichterung ausgelöst.Kommunalpolitiker und Geschäftsleute äußerten sich erfreut über die Kompromißbereitschaft.Das betreffe nicht nur die Zustimmung für einen neuen Grenzübergang, sondern auch die Bereitschaft zur verstärkten touristischen Öffnung des Nationalparkes. Möglicherweise sind die Streitereien um eine zweite Brücke aber völlig nutzlos gewesen.Denn der neugewählte Chef der Bezirksverwaltung von Stettin lehnt, wie berichtet, einen neuen Grenzübergang ab.Er durchschneide ein Naturreservat und sei im Moment von polnischer Seite nicht finanzierbar, erklärte Wladyslaw Lisewski kürzlich bei einem Besuch in der Uckermark.

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