Der Tagesspiegel : Das Schweigen der Mark: Sommerloch? Welches Sommerloch?

Thorsten Metzner

Es ist der Schrecken der Journalisten - das "Sommerloch". In diesen Wochen müssen geplagte Redakteure tagtäglich große leere Zeitungsseiten füllen, obwohl eigentlich gar nichts passiert, weil alle Ferien machen. Ausgestorben scheinen die Parlamente, Ministerien und Rathäuser und der Medienmensch muss sich die Finger wund telefonieren. Notgedrungen werden die Stellvertreter der Stellvertreter zitiert oder im Rhein Krokodile gesichtet. Soweit die Theorie des Sommerlochs, die in den meisten Bundesländern auch in der Praxis studiert werden kann.

Und in Brandenburg? Bei der "Bild-Zeitung" muss die Angst vor dem Schweigen der Mark - schließlich ist hier schon unter normalen Umständen nur selten etwas los - diesmal extrem gewesen sein. Deshalb darf ein Reporter die Spesenkasse plündern und rings um den Erdball jetten, um Brandenburger Politiker im Urlaub zu besuchen. Wirtschaftsminister Fürniß in Spanien! Eine halbe Seite, Foto mit wildem Fünf-Tage-Bart inklusive - wow! Alpenwanderung mit SPD-Fraktionschef Gunther Fritsch! Demnächst: Kurztripp zu Jörg Schönbohm, der über die Seidenstraße marschiert!

Allerdings ist der ganze Aufwand völlig umsonst. Ein kurzer Blick ins Archiv hätte genügt, um festzustellen, dass es in Brandenburg gar kein Sommerloch gibt. Das ist eine Tatsache, nun schon seit Jahren. Diesmal hat es "Killerminister" Jochen Wolf unfreiwillig übernommen, die Schlagzeilen zu liefern. Und was für welche: Ein leibhaftiger Ex-Minister, der seine Ehefrau umbringen lassen will - mörderisch. Hatte Wolf gar eine "Todesliste", plante er einen Anschlag auf Ministerpräsident Stolpe? Prompt haben auch Zeitungsenten Hochkonjunktur. Und ohne "Killerminister"? Dann hätte die Beinahepleite des LEG-Staatskonzerns, der hunderte Millionen in den Sand gesetzt hat, eben die Blätter gefüllt.

Übrigens hat Wolf schon einmal das brandenburgische "Sommerloch" verhindert. Das war 1993, als er nach einer dubiosen Grundstücksaffäre seinen Ministerstuhl räumen musste. Überhaupt tritt in Brandenburg der homo politicus immer in der heißen Jahreszeit zurück. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Sonne tröstet. Jedenfalls kam Stolpe - nur wenige Wochen vor der 99erLandtagswahl - die glücklose Bildungsministerin Angelika Peter abhanden. Im vorigen Jahr verabschiedeten sich erst SPD-Finanzministerin Wilma Simon aus dem Kabinett und bald darauf CDU-Kulturminister Wolfgang Hackel, der nicht Minister sein und zugleich Unternehmer bleiben konnte. Schönbohm tobte, als er per Handy am Pool im sonnigen Süden erfuhr, dass er sich nach einem Nachfolger umsehen müsse.

Geschichten aus dem märkischen Sommer, der es in sich hat: Mal ein dramatisches "Oderhochwasser", anno 1997. Mal Wahlkampf wie 1999, als Schönbohm seiner versprengten CDU-Trümmertruppe den Marsch blies, um SPD-Alleinherrscher Manfred Stolpe vom Thron zu stürzen und das "rote Brandenburg" einzuschwärzen.

Eigentlich können die märkischen Sommer-Nachrichten kaum noch gesteigert werden. Man darf deshalb gespannt sein, was im nächsten Jahr passieren wird. Eine richtige Krise in der Großen Koalition, wegen der Brandenburgs Politiker ihren Urlaub abbrechen müssen? Das wäre was. Oder Stolpe, der sich in den verdienten Ruhestand verabschiedet und das Zepter an Kronprinz Platzeck übergibt? Andererseits: Haben nicht Stolpe und Schönbohm versprochen, dass Brandenburg ein Bundesland wie jedes andere werden soll? Dann ist es allerhöchste Zeit, dass auch hier im Sommer endlich Ruhe einkehrt. Ein Brandenburger Sommerloch muss her, wenigstens ein klitzekleines.

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