Der Tagesspiegel : Das Symbol des Fortschritts geht baden

Die Frankfurter sind sauer. Aber schon gibt es Ideen für den Rohbau: ein Schwimmbad soll hinein

Claus-Dieter Steyer

Frankfurt (Oder). Es sollte ein „Symbol für den technischen Fortschritt“ werden. Jeder Autofahrer aus Richtung Berlin und Osteuropa wäre daran vorbeigekommen. Jetzt steht der riesige Rohbau der Chipfabrik in der Nähe des Grenzübergangs nach Polen für die „Ohnmacht einer ganzen Region“. So formulierte es Frankfurts Oberbürgermeister Martin Patzelt (CDU) am Freitag.

Die Stimmung der Bauleute auf dem Gelände der Chipfabrik unterschied sich an diesem Tag kaum vom miesen Wetter. „Wenn kein Wunder geschieht, haben wir noch vor Weihnachten die Kündigung“, sagte ein Mitarbeiter einer Baufirma aus dem Frankfurter Umland. Sein Chef habe vor einem Jahr einen Luftsprung gemacht, als er den Auftrag bekam. Über 300 Arbeiter verdienten ihr Geld auf der Baustelle, sie stammten aus ganz Deutschland. Viele wurden von ihren Chefs schon vergangene Woche aus Angst vor unbezahlten Rechnungen abgezogen.

Im Institut für Halbleiterphysik neben dem Rohbau räumten die Communicant-Mitarbeiter ihre 70 Schreibtische. „Tränen gab es nicht“, sagte Iris Schmidt. „Wir wurden schon vor einigen Tagen auf das mögliche Ende hingewiesen. Da fiel der Schock am Donnerstag nicht ganz so heftig aus.“ Für die 90 Auszubildenden sucht die Stadt, in der jeder Fünfte arbeitslos ist, nach Möglichkeiten, damit sie ihre Lehre abschließen können.

In der Innenstadt stimmten am Freitag viele Passanten ihrem Oberbürgermeister zu, für den vor allem der Bundeskanzler für das Scheitern verantwortlich ist. „Der Patzelt hat Recht“, sagte der Bankangestellte Andy Scholz. „Der hätte das Bundeswirtschaftsministerium anweisen können, die Bürgschaft für den Kredit zu bewilligen. Über Steuern und eingesparte Arbeitslosengelder wären die Mittel doch wieder hereingekommen.“ Andere verwiesen auf die „westdeutsche Konkurrenz“, die gegen die Fabrik gekämpft habe. „Es schien doch anfangs alles so klar“, sagte ein Zeitungskäufer in der Verkaufsetage des Oderturms. „Plötzlich tauchten immer neue Hindernisse auf. Da gönnen uns einige Leute den Aufschwung nicht.“

Rentner Alfred Winkler schlug mit seinem Stock vor Ärger auf den Fußboden. „Mein Sohn und meine Schwiegertochter haben zu DDR-Zeiten im Halbleiterwerk gearbeitet. Dann wurde der Betrieb mit 8000 Menschen dichtgemacht. Beide haben sich jetzt für die Chipfabrik vom Arbeitsamt fit machen lassen und nun diese Katastrophe.“

Nur wenige Frankfurter glauben, dass die von Manfred Stolpe und Wirtschaftsminister Wolfgang Fürniß versprochenen 4500 Arbeitsplätze aus dem Reich der Fantasie stammten. „Die Skepsis wich spätestens, als sich die ersten Kräne auf der Baustelle drehten“, sagte Thomas Metzel, ein arbeitsloser Industriekaufmann Er bleibt optimistisch. „Vielleicht nutzt ja ein anderes Unternehmen die Halle.“ Die ersten Ideen dafür gibt es schon. Sie reichen von einem Schwimmbad bis zu einem Spielcasino. Von einem „Symbol des Fortschritts“ will niemand mehr etwas wissen.

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