Der Tagesspiegel : Das Versteck der Propheten

Schampus in der Früh um sieben Uhr ist nicht jedermanns Sache, muss aber heute sein auf diesem Acker in Kappadokien. Seit Jean Francois Pilatre de Rozier und der Marquis Francois-Laurent d’Arlandes im Dezember 1783 die erste bemannte Heißluft-Ballonfahrt auf einem Weinberg in der Nähe von Paris erfolgreich abschlossen und diese Pioniertat mit einem Gläschen Champagner feierten, gehört die kleine After-Show-Party fest ins Programm der Ballonfahrer.

Stockdunkel ist es, als wir um fünf Uhr am Abflugplatz ankommen, schweinekalt zudem Mitte Oktober in der zentralen Türkei. Und mulmig im Bauch wird es einem auch kurz vor Besteigen des riesigen Korbes, in dem 30 Menschen Platz finden und der hoch in die Luft getragen werden soll von einem einzigen Ballon. Aber dann steigt die Sonne hinter den Hügeln auf, wärmt die klammen Finger und die bibbernde Seele. Der Ballon hebt sich, schwebt hinein ins Sonnenlicht, fliegt über Fantasien – wir Ballonfahrer sprechen allerdings von „fahren“ –, über eine Traumlandschaft. Hinweg über wundersame, ebenmäßige Kegel, bizarre Hügelchen, die aus 850 Meter Höhe wie Sandburgen am Strand aussehen, und hinweg auch über Feenkamine, die so heißen, weil sie schlank wie Schornsteine sind und in ihnen Feen wohnen, so schön, so lieblich, so zart.

Sie lassen sich nicht blicken, diese Feen. Nicht an diesem Morgen und auch nicht an den anderen Tagen dieser Reise durch Kappadokien, dieser laut Eigenwerbung vermeintlichen „Wiege der Geschichte“. Aber sie waren unzweifelhaft da, schön, lieblich, zart, weil dies kein Platz ist für warzige Hexen und weil die Feen eine Geschichte haben.

Ibrahim Bastutan, der Besitzer des spektakulären Höhlenhotels Gamirasu im Dörfchen Ayvah bei Ürgüp, erzählte sie abends bei türkischem Rotwein. Vor vielen, vielen Jahren verliebten sich ein Prinz Kappadokiens und eine Fee ineinander. Leider aber war der Vater des Prinzen ein hartherziger Mann und untersagte die Liebe. Ja, mehr noch, er schickte seine Schergen aus, um alle Feen des Landes zu meucheln, auf dass nie wieder ein Mensch ihren Reizen erliegen könne. Doch die Feen waren nicht nur traumschön, sondern auch klug. Und so verwandelten sie sich tagsüber in Tauben, denn Tauben galten etwas im Land, weil ihr Mist den Dung lieferte für die Weinfelder ringsum (vielleicht ein Grund, warum der türkische Rotwein nicht immer zu preisen ist), und lebten auf diese Weise unbehelligt weiter. Ein paar Jahre später wurden sie auch noch heiliggesprochen, weil sie den wieder einmal fliehenden Propheten vor seinen Häschern schützten. Feen gerettet, die Liebe gerettet, den atemberaubenden Blick aus großer Höhe in die tiefe Tiefe überlebt, da perlt der Champagner.

Die Luftfahrt ist eine nicht ganz billige Methode, sich Kappadokien zu erschließen. Eine andere, mit Bodenhaftung, wird erst touristisch aufgebaut. Wandern, in Tagestouren etwa von Ürgüp aus. Gut, meist sind es eher ausgedehnte Spaziergänge. Und wer für die längste Tour, den Weg durchs wunderschöne Cat-Tal, die veranschlagten vier Stunden benötigt, muss schon viele Pausen machen, öfter Stopps einlegen, plaudern, schauen. Zu sehen allerdings gibt es genug und zu erfahren und zu erfühlen auch.

Man greift etwa den Stein des Gebirges an und spürt, dass es kein Stein ist. Tuff ist es, entstanden vor Millionen Jahren, als die Vulkane Erciyes im Osten und Hasan im Westen spuckten und das Gebiet mit Asche bedeckten und in eine Tafellandschaft verwandelten. Wind und Regen verpappten die Masse zum weichen Gestein, Wind und Regen erodierten es und bildhauerten diese einzigartigen Gebilde. Kappadokien ist, wenn man so will, auf Sand gebaut, weswegen man ein wenig auf der Hut sein muss unter Überhängen und Vorsprüngen. Das Gebirge arbeitet weiter, ab und zu lösen sich Brocken. Es wurde jedoch noch kein Spaziergänger getroffen.

Und überall sind Taubenhäuser zu sehen, unzählige Schläge, vom Menschen in den Stein gehauen, auf dass die verehrten Vögel einziehen und ihren Mist produzieren. Die Tauben indes sind weitergezogen, verlassen sind die meisten ihrer Häuser. Auch der Dung auf den Feldern wird künstlich sein. Ohne nennenswerte Auswirkungen auf den roten Wein.

So ein Spaziergang durch die geologische Historie macht Appetit und führt unvermeidlich zu einer Bauernfamilie, bei der Besucher einen kurzen, wenngleich sehr bemerkenswerten Blick in den Gegenwartsalltag von einigen anatolischen Landbewohnern, besonders den Frauen erhalten. Es gibt Landeskost. Einfach, schlicht. Salat, Huhn mit Reis, Wasser, Tee. Und als alles gegessen ist, setzt sich Seda zu uns, die Tochter der Familie, 14 Jahre alt. Ihr Dorf, Cat, am Ende des gleichnamigen Tals, hat 2600 Einwohner. Es gibt nichts außer einer Moschee, dem kleinen Männercafé und ein paar Läden. Zur Schule, sagt Seda, muss sie nach Nevsehir. Das mache sie gerne, sie wolle nämlich irgendwann studieren und das hätten keineswegs alle ihre Mitschülerinnen vor. Sie erzählt, dass einige schon die Schule verlassen hätten und verheiratet seien. Hani, die Reiseleiterin und Übersetzerin sagt, dass das zwar auch auf dem Land verboten sei, diese Kinderverheiratungen, aber durchaus heimlich üblich und geduldet.

Dudu, Sedas Mutter, setzt sich kurz mit an den Tisch. Sie sei 28 Jahre alt, sagt sie. Man glaubt es kaum, weil sie unter ihrem Kopftuch mindestens 15 Jahre älter aussieht. Und dann stutzt der Besucher: Als Hani die entsprechende Frage übersetzt, nickt Dudu heftig und sagt: „Ja, ja, ich war 14, als ich hier in dieses Haus heiratete, verheiratet wurde, da drüben steht mein Elternhaus“, und sie zeigt auf ein Haus, keine 50 Meter entfernt. Damit hat sie auch in etwa den Radius ihres bisherigen Lebensweges abgesteckt. Eben schaut die Schwiegermutter aus dem Haus. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, passt ihr der Besuch und das Gespräch nicht recht. Sedas Vater war nur kurz vor dem Essen zu sehen. Der ging damals schon auf die 30 zu, als er Dudu heiratete und zur Mutter machte. Hani stellt dann noch eine naheliegende Frage, die sich der Besucher nicht zu stellen getraut hätte: Ob sie ihren Mann denn liebe? Dudu antwortet mit einem Lachen und dem Satz „wir haben jetzt drei Kinder“.

Man ist also auf so einer Reise durch Kappadokien hin- und hergerissen zwischen der Schönheit der Landschaft und der Realität in Teilen der sich doch so gern modern gebenden Türkei. Man kann sie ausblenden in so märchenhaften Hotels wie dem Selçujlu Evi oder eben dem Gamirasu, in denen der Orient seine ganze Vielfalt und Pracht verschwenderisch versprüht. Doch sie bleibt doch vor Augen und kontrastiert heftig, wenn man des Weiteren der Menschengeschichte Kappadokiens begegnet.

Denn auch wenn die Ausgrabungen, Freilegungen und Erforschung der historischen Stätten in dieser Gegend erst noch am Anfang stehen, so steht doch fest, dass Hochkulturen hier zu Hause waren. Angefangen bei den Hethitern und nicht endend bei den Römern und ihrem Byzantinischen Reich. Man kann zumindest den künstlerischen Reichtum in den von Christen angelegten Höhlenkirchen von Göreme bestaunen oder hinabsteigen in die unterirdische Stadt von Derinkuyu, eine von geschätzt etwa 200 Städten, die hier unter der Erde in den Stein gehauen wurden und den Menschen Schutz gaben. Vielleicht vor Lavaströmen, ganz sicher jedoch vor Angreifern.

Uneinnehmbar waren diese Städte mit ihren engen Eingängen, mit Mahlsteinen, die als Verschluss und Feuerschutztür verschoben werden konnten, mit einem perfekt funktionierenden Belüftungssystem und einem Kommunikationsnetz aus kleinen Löchern, durch die die Verständigung mit Nachbarhöhlen möglich war. Zeugnis von hohem technischen Verständnis, aber wohl auch Beleg von gedeihlichem menschlichen Miteinander.

Und wenn man nach diesem im wahrsten Sinne des Wortes tiefen Einblick in die Menschheitsgeschichte wieder Licht sieht, kann einem schon der Gedanke kommen, dass unter der Erde eigentlich alles in bester Ordnung war. Und hoch oben über der Erde vom Ballon aus betrachtet auch. Nur dazwischen, in diesem wundersamen Naturgebilde, da hakt es dann doch ein wenig.

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