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Berliner Wahlkreise – Folge 10: Im Bezirk Mitte sind Reiche und Arme Nachbarn. Zu tun haben sie kaum miteinander

Thomas Loy

In der JVA Moabit warten die Schwerkriminellen auf ihren Prozess. Von hier ist es einen Kilometer Luftlinie bis zum Amtszimmer des Bundeskanzlers. Ganz Unten und ganz Oben kommen in Mitte zusammen, Penthouse-Millionäre am Potsdamer Platz und Arbeitslose im Soldiner Kiez. Die rund 320000 Bewohner des Wahlkreises 76, identisch mit dem Bezirk Mitte, werden im Bundestag derzeit durch Jörg-Otto Spiller von der SPD vertreten.

Er setzte sich bei der letzten Bundestagswahl mit 41,3 Prozent gegen den CDU-Kandidaten Volker Liepelt durch, der 24,7 Prozent erreichte. Die Sozialdemokraten schnitten 2002 in allen drei Ortsteilen von Mitte gut ab, die CDU schwächelte besonders im Alt-Bezirk Mitte, die Grünen kamen zwischen Alexanderplatz und Potsdamer Platz auf 30 Prozent. Hier erreichte die PDS nur 13,6 Prozent, im nördlichen Teil von Alt-Mitte dagegen fast 32 Prozent. Offenbar sind angestammte PDS-Wähler rund um Friedrichstraße, Nikolaiviertel und Rotes Rathaus weggezogen und durch „grüne“ Neu-Berliner ersetzt worden.

In Mitte gibt es ein sehr großes Angebot an Arbeitsplätzen, vor allem in den Bundesbehörden: 88 von 100 Erwachsenen haben eine Beschäftigung, in Steglitz-Zehlendorf sind es nur 36. Dennoch liegt die Arbeitslosigkeit bei 24,5 Prozent. Das Regierungsviertel ist eine Art Raumschiff mit eigener Besatzung, das zufällig in Mitte seinen Ankerplatz gefunden hat.

In diesem Bezirk gibt es die meisten Single-Haushalte der Stadt. Auch leben hier mehr Männer als Frauen. Der männliche Überschuss liegt bei 6000. In westlichen Bezirken wie Reinickendorf oder Charlottenburg-Wilmersdorf dominieren die Frauen. In Steglitz-Zehlendorf liegt der Frauenüberschuss bei 22 000.

Mitte ist begehrt, bei Touristen wie Einheimischen. In Flanierzonen wie der Spandauer Vorstadt, wurden die meisten Wohnungen in den 90er Jahren saniert und neu vermietet. Wer am Hackeschen Markt eine Dachgeschosswohnung mieten oder gar kaufen kann, hat den Aufstieg in den Geldadel geschafft. Auf der Chausseestraße, Richtung Norden, sinkt der Schickimicki-Index schnell wieder auf Werte unter Null. Zu erkennen ist die Armut an den vielen leeren Parkplätzen in den Straßen. Als es noch kein Hartz IV gab, bezogen 17 Prozent der Weddinger Leistungen vom Sozialamt, im Alt-Bezirk Mitte waren es nur 5 Prozent. Wie in Neukölln gibt es eine Tendenz zur Ghettoisierung. Um Leopoldplatz, Soldiner Straße und Gesundbrunnen wohnen überdurchschnittlich viele arabische und türkische Familien. Weil deutsche Familien weggezogen sind, gehen zu 80 Prozent ausländische Kinder in die umliegenden Schulen. Fast die Hälfte der Jugendlichen zwischen 6 und 18 Jahren kommen aus Migrantenfamilien.

In Wedding angesiedelte Unternehmen wie Schering oder die Deutsche Welle bieten gut bezahlte Arbeitsplätze, haben aber kaum Bezug zu ihrer Umgebung. Nur wenige Mitarbeiter wohnen hier. Mit Festen wie dem „Wedding Day“ und einer lokalen Praktikumsbörse versucht die Deutsche Welle, auch Jugendlichen aus dem Kiez die Chance zu geben, Kontakte zum Establishment zu knüpfen.

Im Ortsteil Tiergarten ist die soziale Mischung ähnlich wie in Wedding. Große Teile von Moabit und die Viertel zwischen Potsdamer Straße und Lützowplatz gehören zum „Armutsgürtel“ der Stadt. Nur um den Tiergarten-Park mit dem Botschaftsviertel im Süden, Hansaviertel im Norden und dem Potsdamer Platz ist die Welt noch in Ordnung.

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