DDR : Flucht aus dem Westen

Das Aufnahmelager Röntgental war bis zur Wende die Anlaufstelle für Übersiedler in die DDR. Doch die Republiksflucht aus dem Westen war schwer. Diese war meist von Schikanen und Ausspionieren geprägt.

Christiane Jacke/ ddp
Röntgental
Eine Barake des Auffanglagers Röntgental für Flüchtlinge aus dem Westen.-Foto: ddp

BerlinHartmuth Seidel wurde in der DDR nicht besonders herzlich begrüßt. Die erste Nacht in seiner neuen Heimat verbrachte er in der sogenannten "Quarantäne", einem eingezäunten Haus auf einem akribisch abgeriegelten Gelände. Sicherheitsleute holten ihn noch im Schlafanzug zum Verhör ab, fotografierten ihn mit vorgehaltener Nummer, nahmen seine Fingerabdrücke. Seidel fühlte sich "wie bei einer Verhaftung", wie er sagt. Der Mann aus Niedersachsen gehörte zu den wenigen Menschen, die aus dem Westen in den sozialistischen Osten übersiedelten, nicht etwa umgekehrt. Ein paar Tausend Menschen versuchten noch in den 80er Jahren in den SED-Staat einzuwandern. Ihre erste Station war das "Zentrale Aufnahmeheim Röntgental", nördlich von Berlin.

Verhöre und Eingesperrt sein- "Das war wie im Knast."

Manchmal monatelang mussten die Umsiedler in dem Lager ausharren. Eingezäunt, abgeschottet von der Außenwelt, von Kameras, Aufpassern und Hunden bewacht, wurden sie verhört, durchleuchtet und auf ihre Republiktauglichkeit getestet. Seidel wartete rund zwei Monate in Röntgental auf den Einlass in die DDR. Er kam der Liebe wegen. Der heute 60-Jährige hatte 1979 in der Lausitz die Frau seines Lebens kennengelernt. Sie wollten heiraten. Seine Verlobte Angela hätte zwar ausreisen dürfen, das Kind aus erster Ehe jedoch nicht. Seidel entschied sich, zu ihnen zu gehen.

Die Verhöre im Lager gingen auch nach der ersten Nacht weiter. Der Elektriker musste seitenlange Berichte über seine Arbeit bei der Bahn schreiben. Dabei habe er noch Glück gehabt, sagt Seidel. Andere hätten nach den Gesprächen am ganzen Körper gezittert.

"Das war wie Knast", sagt auch Alwin Ziel. Der spätere brandenburgische Innenminister und Arbeitsminister verbrachte 1988 zwei Wochen in Röntgental. Ziel war in den Westen gereist und geblieben. "Ich wollte meine Familie nachholen", sagt der heutige SPD-Politiker. Doch das DDR-Regime habe Druck gemacht: Die Frau hätte ausreisen dürfen, die Kinder nicht. Ziel gab nach und kehrte zurück - als "Republikflüchtling".

In Röntgental sollte er die "Möglichkeit zur Umerziehung" bekommen, sagt er. Während seiner Zeit im Aufnahmelager nahm sich ein Mensch das Leben, sprang aus dem fünften Stock - dort, wo die Verhörräume waren. "Das waren Gefängnisverhältnisse", meint Ziel, der heute im Brandenburger Landtag sitzt. Viele seien unter dem gleichen Druck wie er in den Osten zurückgegangen.

Gründe für die Umsiedlung in die DDR gab es viele

Die Motive der Umsiedler seien sehr unterschiedlich gewesen, sagt Birgit Schädlich. Die Historikerin hat die Geschichte Röntgentals über Jahre untersucht, Dokumente studiert und Zeitzeugen befragt. Manche seien zurückgekehrt, weil sich die Erwartungen im Westen schlicht nicht erfüllt hätten, sagt Schädlich. Einige seien aus politischer Überzeugung gekommen und viele aus persönlichen Gründen, weil Familie oder Erbschaften warteten.

Neben den Verhören wurden die potenziellen DDR-Bürger auch medizinisch durchleuchtet. Ausweise wurden allen abgenommen. Anrufe und Besuche waren nur begrenzt erlaubt und zudem überwacht. Ansonsten beherrschte Warten das Leben in Röntgental. Mit Volleyball, Kegeln oder Haumeisterarbeiten vertrieben sich die Umsiedler die Zeit. Ab und zu gab es Grillabende und Dia-Vorträge über die künftige Heimat - eine trügerische Idylle. Bis zuletzt wusste niemand, ob er in die DDR aufgenommen wurde oder nicht.

3500 Menschen durchliefen das Lager

Einige ertrugen die Ungewissheit offenbar nicht. Mehrere Selbstmorde und Selbstmordversuche seien dokumentiert, sagt Schädlich. Nach den offiziellen Zahlen der DDR-Führung hätten in den letzten fünf Jahren vor der Wende über 3500 Menschen das Lager durchlaufen. Mehr als 400 wurden abgewiesen. Röntgental war die letzte Aufnahmestation der DDR, die noch bis 1989 in Betrieb war. Frühere Standorte waren geschlossen worden - der Andrang fehlte. "Die meisten kamen bis 1961 in die DDR", sagt Bernd Stöver, Geschichtsprofessor der Universität Potsdam. "In den 70er und 80ern waren es nur noch ein paar Zehntausend Umsiedler."

Seidels Familie und Freunde erklärten ihn damals für verrückt. Auch der weitere Empfang in der DDR war unterkühlt - nicht nur in Röntgental. Er blieb unter Beobachtung. An zerstochene Reifen und misstrauische Blicke musste er sich gewöhnen. Bereut hat er seinen Schritt trotzdem nie. Im vergangenen Jahr feierte er Silberhochzeit, die ersten Enkel sind auch schon da. Er sagt: "Ich bin froh, dass ich es gemacht habe". (mit ddp)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben