DDR-Vergangenheit : Interesse an Stasi-Akten ungebrochen

In Frankfurt (Oder) meldet die Außenstelle für Stasi-Unterlagen für das Jahr 2008 die höchste Antragszahl seit zehn Jahren. Die Berliner Zentralstelle erwartet für 2009 eine Zunahme.

Jan Oberländer

Frankfurt (Oder)/Berlin Zu Beginn des Mauerfall-Jubiläumsjahres 2009 meldet die Außenstelle für Stasi-Unterlagen in Frankfurt (Oder) das höchste Antragsvolumen seit über zehn Jahren. 5262 private Anträge auf Akteneinsicht sind 2008 bei der Behörde eingegangen. Bisheriger Höhepunkt in Frankfurt waren fast 35.000 Anträge 1992, dem ersten Arbeitsjahr der Behörde, gefolgt von 11.700 Anträgen 1995. Anschließend sank die Zahl, um ab 2005 wieder anzusteigen. „Wir sind einfach bei weitem noch nicht am Ende der Aufarbeitung der DDR-Diktatur,“ sagte Leiter Rüdiger Sielaff.

Das zunehmende Interesse ist kein Regionalphänomen: Auch die Berliner Zentralstelle der Stasi-Unterlagenbehörde (BStU), die alle Anträge bundesweit erfasst, verzeichnet seit Jahren steigendes Interesse, auch hier wurde, nach 521.000 Anträgen im Anfangsjahr 1992, im Jahr 1995 ein erster Höhepunkt erreicht. Nach einem Tiefpunkt 2005 mit rund 80.000 Anfragen stiegen die Zahlen wieder. 2007 wollte eine Rekordzahl von 101.521 Menschen wissen, was über sie vorliegt. Auch wenn die für 2008 ermittelte vorläufige Zahl von knapp 90.000 Vorgängen etwas darunter liegt – das Interesse sei ungebrochen, bestätigt Herbert Ziehm, stellvertretender Leiter der Anfrageabteilung.

Für den steigenden Zuspuch macht Ziehm vielfältige Gründe aus. Politische Debatten oder Filme wie „Das Leben der Anderen“ holten das Thema ins Bewusstsein der Menschen zurück. Ein anderer Grund sei die zunehmende „Versachlichung“ des Themas: Für viele Betroffene sei erst nach Jahren der nötige emotionale Abstand hergestellt. Teilweise lösten auch Nachrichten wie die von der Schließung der BStU-Außenstelle in Potsdam Ende 2008 bei manchen die – unbegründete – Sorge aus, die Akten irgendwann nicht mehr einsehen zu können.

Unter den Antragstellern sind nach Sielaffs Erfahrungen auch zahlreiche nicht-oppositionelle Ex-DDR-Bürger. „Viele ärgert und verletzt, wie von ehemaligen Funktionären und Ex-Stasi-Mitarbeitern versucht wird, die Geschichte zu klittern.“ Mit einem Antrag beim BStU wollten sie sich ihre eigenen Erinnerungen an die Unterdrückung bestätigen lassen. Zumal bereits die Nichtteilnahme an Wahlen oder Besuch aus dem Westen zu einem Eintrag in die „Vorverdichtungs-, Such- und Hinweiskartei“ führen konnte.

Wie Ziehm vermutet auch Sielaff, dass das Antragsvolumen 2009 „mindestens auf dem Niveau vom letzten Jahr“ bleiben wird. Das Jubiläum des Mauerfalls werde viele Menschen „erinnern und inspirieren“, sich mit ihrer Vergangenheit zu beschäftigen.

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