Der Tagesspiegel : Delegieren lohnt sich

Tobias Schormann (DPA)

Das Telefon klingelt, der Posteingang quillt über, es müssen noch drei Berichte bis zum nächsten Tag geschrieben werden – niemand muss alles alleine schaffen. Delegieren entlastet im Job. Mitarbeiter müssen dafür aber lernen, loszulassen und auch mit weniger zufrieden sein. „Ein typischer Denkfehler ist der Gedanke: Wenn ich''s nicht selbst mache, ist es nicht gemacht“, erläuterte die Organisationsberaterin Siglinde Sonnenholzer aus München. Damit täten sich Beschäftigte aber keinen Gefallen: „Man halst sich auf diese Weise ständig zu viel auf.“ Außerdem bleibe Wichtiges schnell liegen, wenn Mitarbeiter sich in Details verlieren, die sie ebenso gut von anderen erledigen lassen könnten.

   Oft stecke übertriebener Perfektionismus dahinter, wenn Teamleiter oder Abteilungschefs lieber alles selbst in die Hand nehmen, als Aufgaben an Mitarbeiter zu übertragen. Effektiver sei es aber, bisweilen Abstriche von den eigenen Ansprüchen zu machen. „Man muss auch mal mit 80 Prozent zufrieden sein“, sagte Sonnenholzer. „Denn oft ist es so, dass man für die restlichen 20 Prozent unverhältnismäßig lange braucht, um eine Aufgabe 100-prozentig zu erfüllen.“

Delegieren lohnt sich aber nicht immer: Eine komplizierte Aufgabe, die einmalig anfällt, übernehmen Mitarbeiter laut Sonnenholzer besser selber. Denn dabei könne es passieren, dass es länger dauert, den anderen einzuweisen, als die Arbeit eigenhändig zu erledigen. Auch wenn sich ein wichtiger Kunde beschwert, sei das Sache des Chefs oder Projektleiters. „Das kann ich nicht abschieben, das muss ich selbst machen“, sagte Sonnenholzer. Auch bei wichtigen und komplizierten Aufgaben könnten Beschäftigte aber versuchen, Teile zu delegieren, empfahl Sonnenholzer.

Gilt es, ein Vertriebsangebot zu erstellen, vergeuden Angestellte Zeit, wenn sie alle nötigen Detailinformationen selbst ermitteln. „Ich kann die Assistentin Preise für Dienstleistungen einholen lassen, die für das Angebot benötigt werden“, sagte Sonnenholzer. „Oder ich beauftrage die Buchhaltung, Kosten zu recherchieren, die bei ähnlichen Aufträgen angefallen sind.“ Wer sich um all die Dinge selbst kümmert, erledigt die Aufgabe vielleicht perfekt. Unterm Strich liefert er aber nicht kontinuierlich gute Arbeit ab. Er verliere andere Aufgaben schnell aus dem Blick, sagte Sonnenholzer: „Am Ende bleibt die wichtige Kundenbeschwerde unerledigt. Und ich verliere einen Kunden, den ich mit einer sofortigen Reaktion gehalten hätte.“ Tobias Schormann (DPA)

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