Der Tagesspiegel : Den Kredit verspielt

Das 700-Milliarden-Hilfspaket ist vorerst an den US-Abgeordneten gescheitert. Daraufhin wurden Börsenwerte in Höhe von 1,2 Billionen Dollar vernichtet. Experten sprechen von einem „wirtschaftlichen 11. September“. Was passiert, wenn die Rettungsaktion auch im zweiten Anlauf nicht durchkommt?

Henrik Mortsiefer

Was passiert, wenn das Rettungspaket der US-Regierung scheitert?



Der dramatische Kurssturz an der Wall Street legt nahe, dass die Konsequenzen eines Scheiterns katastrophal wären. Es sei „ein wirtschaftlicher 11. September“, sagte der Dekan der Wirtschaftsfakultät der Golden Gate University, Terry Connelly, nachdem in der Nacht zum Dienstag das Repräsentantenhaus das Rettungspaket der US-Regierung für den Finanzsektor abgelehnt hatte.

Kommt diese staatliche Hilfe nun tatsächlich nicht, wird sich die Krise wohl verschärfen. Davon wären nicht nur US- Banken, sondern auch Geldinstitute in Europa und anderen Teilen der Welt betroffen. Denn die Banken misstrauen einander weltweit so sehr, dass sie sich kein Geld mehr leihen – weil sie nicht wissen, wer versteckte Lasten aus Schrotthypotheken in seinen Bilanzen hat. Das führt zum Kollaps des lebenswichtigen Geldverkehrs zwischen den Instituten.

Volkswirte sind sich allerdings nicht so sicher, ob es ein Rettungspaket in der von der Regierung geplanten Form geben muss, um die Vertrauenskrise zu beenden. Auch Alternativen seien denkbar, die die Banken und das Finanzsystem entlasten könnten, so der Tenor. Wichtig sei nur, dass es überhaupt Maßnahmen der Regierung gebe. „Unstrittig ist, dass in den kommenden Tagen ein Hilfspaket beschlossen werden muss, um die Gefahr eines systemweiten Zusammenbruchs zu verhindern“, heißt es bei den Experten der Landesbank Berlin. „Nötig ist ein großer Schritt, der den Märkten das starke Signal gibt, dass Regierung und Notenbank an der Lösung der Probleme arbeiten“, sagt Helge Berger, Professor für Geldtheorie und Geldpolitik an der FU Berlin. „Viel Zeit haben wir nicht.“

Statt einen Fonds aufzulegen, der faule Kredite der Banken zu einem bisher nicht definierten Preis kaufen und später wieder abstoßen soll, könne die US-Regierung den Banken auch zusagen, dass der Staat notleidenden Geldhäusern mit Kapital aushilft – wenn er im Gegenzug Anteile an diesen Banken bekomme. Kapital gegen Aktien: „Damit würde der Steuerzahler an den Banken beteiligt, statt allein auf notleidenden Krediten sitzen zu bleiben“, sagt Helge Berger.

Die US-Regierung könnte sich nach Meinung von Berger auch Irland zum Vorbild nehmen. Die dortige Regierung gab am Dienstag eine Garantie von bis zu 400 Milliarden Euro für alle Bankeinlagen bis 2010 ab. Auf diese Weise soll das System des Verleihens und Ausleihens, eine der Grundlagen des Bankensystems, gesichert werden. Zugleich diene die Absicherung dem Schutz der Konten.

Im Falle eines endgültigen Scheiterns eines staatlichen Hilfspakets liegen die Folgen für die Finanzbranche auf der Hand: „Dann würde es noch eine Reihe von Banken geben, die in die Insolvenz müssen“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank. Bisher ist unklar, wie viele Banken noch zusammenbrechen könnten. Ende Juni ging der US-Einlagensicherungsfonds FDIC davon aus, dass 117 US-Banken und Sparkassen in finanziellen Schwierigkeiten waren.

Banken sind das Schmiermittel in einer Marktwirtschaft, sie vergeben die Kredite, die Unternehmer für Investitionen und Verbraucher für Anschaffungen brauchen. Trocknet der Bankenmarkt aus und versiegt der Kreditstrom, ist auch die Realwirtschaft betroffen: Konsum und Investitionen, die beiden wichtigsten Säulen für das Wachstum, knicken ein. „Wenn der Staat jetzt nichts tut, muss er am Ende umso mehr Geld für Löschmittel ausgeben“, sagt Ökonom Kater. So wäre er gezwungen, die Banken „scheibchenweise“ zu retten. „Das kommt vermutlich teurer, als jetzt eine große Lösung zu machen“, sagt Kater mit Blick auf das vorerst gescheiterte 700-Milliarden-Paket.

Können die Notenbanken die Lasten, die jetzt auf sie zukommen, noch bewältigen?

Ohne das Milliardenpaket obliegt die Steuerung der Krise wieder dem US-Einlagensicherungsfonds und der Notenbank Fed. Doch das Vertrauen zwischen den Geschäftsbanken kann die Fed nicht einfach herstellen. Auch kann sie keine notleidenden Finanzhäuser kaufen oder deren Lücken in der Bilanz schließen. Aber: „Die Fed hat noch einige Munition“, sagt FU-Ökonom Berger. „Auf die existierenden Instrumente kommen allerdings deutlich höhere Belastungen zu.“ Das glauben auch die Analysten der Commerzbank: die Fed werde „ihr gesamtes Instrumentarium einsetzen – und eventuell weitere Instrumente erfinden – um eine Paralyse des Geldmarktes zu verhindern“. Grundsätzlich kann eine Zentralbank das Geld, das sie an die Banken verleiht, selbst schöpfen. Seit Beginn der Krise haben die großen Notenbanken in den USA, Europa und Japan dem Markt häufig zusätzliches Geld zur Verfügung gestellt. Dies ist auch künftig möglich. Um die höheren Lasten besser zu verteilen, einigten sich am Dienstag die US-Notenbank, die Europäische Zentralbank (EZB), sowie die Notenbanken der Schweiz, Japans und Großbritanniens auf Tauschgeschäfte, damit auch außerhalb der USA genügend Dollar zur Verfügung stehen. Über die Vereinbarung mit der Fed kann die EZB nun 240 Milliarden Dollar verleihen, zuvor waren es 120 Milliarden Dollar.

Die Zentralbanken haben hunderte Milliarden Dollar ins Finanzsystem gepumpt. Warum treibt das nicht die Inflation?

Die massiv gestiegene Geldversorgung „versickert“ zum größten Teil im Bankensystem, weil die Notenbank vor allem die Geldströme im Interbankengeschäft – also im Zahlungsverkehr der Banken untereinander – mit Liquidität versorgt. Weil die Zuteilungen entweder nur vorgezogen wurden oder die Zeiträume, in denen das Geld ausgeliehen wurde, länger als üblich ausfallen, gelangt nicht wesentlich mehr Geld ins System als in Nicht-Krisenzeiten. „Die Notenbanken bemühen sich, den Nettoeffekt auf die Geldmenge in Grenzen zu halten“, sagt Helge Berger. Was an der einen Stelle zusätzlich ins System gepumpt werde, werde ihm an anderer Stelle entzogen. Das zusätzliche Geld, das nicht im Bankensektor bleibt, sondern in den Wirtschaftskreislauf gelangt, wird außerdem überwiegend gespart und nicht für den Konsum ausgegeben. „Das treibt nicht die Inflation, sondern die Preise anderer Vermögenswerte wie Gold, Öl oder Rohstoffe“, sagt Tobias Basse, Marktstratege bei der NordLB. In der Zukunft kann beim Verkauf dieser Anlagen allerdings wieder Geld für Konsumzwecke frei werden – mit preistreibenden Folgen. „Je längerfristig und größer die Liquiditätshilfe der Notenbanken ausfällt, desto schwieriger wird es aber, einen expansiven Effekt auf die Geldmenge und damit auf die Inflation zu verhindern“, warnt Berger.

Was bedeuten die dramatischen Kursverluste an den Börsen für die Realwirtschaft?

Auf 1,2 Billionen Dollar wurde der Börsenwert taxiert, der allein am Montag an der US-Börse vernichtet wurde. Der Börsenwert der notierten Unternehmen ist zunächst nur eine Rechengröße. Sie wird ermittelt, indem man den Aktienkurs mit der Anzahl aller ausgegebenen Aktien eines Unternehmens multipliziert. Der Börsenwert sagt wenig über den tatsächlichen Wert eines Unternehmens aus, sondern ist das Ergebnis von Angebot und Nachfrage auf dem Aktienmarkt. Letztere hängen aber wesentlich von den Erwartungen der Investoren und Anleger für die künftige Ertragskraft des Unternehmens ab. Stürzen die Aktienkurse ab, werden die künftigen Geschäfte der Unternehmen sehr pessimistisch eingeschätzt.

Und die Kursverluste wirken auch unmittelbar. Sie vermindern das Vermögen der Haushalte, die Aktien halten – und damit deren Konsumneigung. Zweitens wird es für Firmen schwerer, sich an den Börsen durch Neuemissionen oder Kapitalerhöhungen frisches Geld zu besorgen. Auch die Lage der Banken verschlechtert sich, was die Kreditvergabe negativ beeinflusst. Der psychologische Effekt ist ebenfalls erheblich: Kurseinbrüche führen dazu, dass die Stimmung in der Gesamtwirtschaft sinkt und das Vertrauen in die Zukunft schwindet.

Da Börsen ein guter Frühindikator für die Konjunktur sind, sind die realwirtschaftlichen Aussichten derzeit düster. In den Kursen ist längst verarbeitet, dass der US-Wirtschaft eine Rezession bevorsteht. Mitarbeit: Carsten Brönstrup

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