Der Tagesspiegel : Denkmalschutz: Pflege den Ruinen

Claus-Dieter Steyer

Etwas sarkastisch bezeichnete sich Brandenburgs Landeskonservator kürzlich als "Ruinendenkmalpfleger". Der Zustand vieler schützenswerter Gebäude sei ziemlich traurig. Professor Detlef Karg ist für seine mitunter drastischen Formulierungen bekannt und manchmal auch gefürchtet. Aber so muss wohl der Chef einer selten im Mittelpunkt des Interesses stehenden Behörde mit einem nicht ganz leichten Auftrag reagieren. Am gestrigen "Tag des offenen Denkmals" dürften viele Neugierige beim Kriechen über Dachböden, auf Entdeckertouren durch unterirdische Gänge oder beim Staunen in uralten Fabrikhallen buchstäblich mit der Nase auf die Probleme gestoßen sein.

Unübersehbar war vielerorts ein neues Verhältnis zu den manchmal tatsächlich nur noch als Ruinen zu bezeichnenden Gebäuden. Vor allem auf dem Lande kümmern sich Einwohner um ihre Dorfkirchen, um den fast schon vergessenen Wasserturm oder um eine mehr als 200 Jahre alte Gruft. Gerade bei den Dorfkirchen spielt die Mitgliedschaft in einer evangelischen oder katholischen Gemeinde überhaupt keine Rolle. Bürgervereine übernehmen Renovierungen, organisieren Benefizveranstaltungen und werben bei Sponsoren und Behörden um Geld. Plötzlich gibt es im Ort wieder ein gemeinsames Gesprächsthema, nachdem Schule, Dorfkonsum, Kneipe, Arztstation, Sparkasse, Post und Bahnhof längst geschlossen sind. In vielen Gegenden ist die Kirche tatsächlich der letzte öffentliche Raum überhaupt. Selbst viele Menschen, die keine Beziehung zum Glauben haben, identifizieren sich mit dem letzten Anker im Ort.

Deshalb ist die gerade gestern oft zu hörende Forderung, den Denkmalschutz in den Amtsstuben nicht als fünftes Rad am Wagen zu vernachlässigen, durchaus verständlich. Denn ohne staatliche Fördermittel kommt selbst der enthusiastischste Dorfverein nicht aus. In der Uckermark konnte eine von der Kreisverwaltung beabsichtigte weitere Kürzung des ohnehin schmalen Etats für die Denkmalpflege in letzter Minute verhindert werden. Die Bürgermeister waren auf die Barrikaden gegangen. Sonst hätte es womöglich neue Arbeit für die "Ruinendenkmalpfleger" gegeben.

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