Der Tagesspiegel : Der alte Mann und der Fluss

Jedes Jahr wird sein Haus an der Elbe überflutet. Doch Herbert Zander hat keine Angst

George Russew

Bälow - Herbert Zander schreitet sein Grundstück am Rande von Bälow nordwestlich Berlins in der Prignitzer Elbtalaue ab. Sein Haus liegt normalerweise nur wenige hundert Meter von der Elbe entfernt – in diesen Tagen allerdings inmitten des Elbwassers. Für Zander ist das aber kein Grund zur Panik. „Der Sommerdeich ist nur fünf Meter hoch. Die Wiesen rund um mein Haus dienen bei Hochwasser als Ausdehnungsflächen. Das ist hier immer so im Frühjahr“, sagt er.

In der Prignitz besteht seit gestern die höchste Alarmstufe 4. Zander stört das aber ganz und gar nicht. „Das Haus hat mein Großvater vor 103 Jahren mit Feldsteinen gebaut. Es wurde so angelegt, dass es auch bei dem heute erwarteten Hochwasserstand von gut sieben Metern trocken bleibt.“ Außerdem steht Zanders Haus auf einem kleinen Hügel. Die Häuser der benachbarten Gemeinden liegen in einer Niederung. Sie werden das Hochwasser eher zu spüren bekommen. Zanders Haus könnte dann einsam in den Fluten stehen – wie auf einer Hallig. Beim bisherigen Rekord-Hochwasser aus dem Jahr 2002 mit dem Pegelhöchststand von 7,34 Meter stand das Wasser lediglich zehn Zentimeter hoch in Zanders Hof.

Der Bürgermeister der Gemeinde Rühstädt, Jürgen Herper, gibt Zander Recht. „Wir hier im storchenreichsten Dorf Europas haben gelernt, mit der Natur im Einklang zu leben. Wenn bei uns das Wasser im Keller steht, dann steht es eben dort. Das kennen wir von Kindesbeinen an“, sagt Herper. Trotzdem haben gestern 100 Helfer der Freiwilligen Feuerwehr 20 000 Sandsäcke befüllt und werden diese heute im Rühstädter Bogen verbauen. Unterstützt werden sie von 120 Mann der Bundeswehr.

Rentner Zander wettert nur über die Naturschützer. „Die wollen mir einen Deich vors Haus setzen. Das kommt aber für mich nicht in Frage, sonst lebe ich ja wie die früher in Berlin mit einer Mauer vor der Nase. Und mein Keller läuft dann richtig voll.“ Zander meint, dass das Wasser dann in seinem Keller stehen bleibt und noch mehr Schaden anrichtet.

„Schauen Sie, seit Jahrhunderten schmilzt das Wasser in den Bergen und fließt in Richtung Meer. In einem Jahr ist es mehr und in anderen Jahren ist es weniger. Das ist seit langem so und daran wird sich nichts ändern“, sinniert Zander.

Für Panik hat er keine Zeit. Auf seinem Hof türmt sich im Frühjahr die Arbeit. Seine Frau betreibt hier noch einen Blumenladen, ihr geht der Rentner zur Hand. Außerdem bereitet er die Ferienwohnungen vor. Ab Ostern erwartet er die ersten Gäste, die unter Umständen noch eine ungewohnte Aussicht auf die Wassermassen haben werden. Der Rentner zurrt derweil schon mal ein Ruderboot zurecht. „Nun ja, ich bin leidenschaftlicher Angler. Vielleicht beißt ja ein Fisch“, lacht Zander. Bis gestern wurden im oberen Deichende Kokosmatten zur Befestigung aufgebracht. „Der neue Wall ist noch nicht ganz fertig“, sagt Zander. „Jetzt hat er eben seine erste Feuertaufe zu absolvieren.“ Am Horizont zieht derweil ein Gewitter auf – auch Blitz und Donner kann der Mann von hier aus gut beobachten.

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