Der Tagesspiegel : Der Anschluss ans Leben

Der Friedhof Stahnsdorf hat zu wenig Geld. Jetzt will man die historische Friedhofsbahn wieder haben – um Besucher anzulocken

Claus-Dieter Steyer

Stahnsdorf – Am heutigen Totensonntag erwartet der Friedhofsverwalter des großen Südwestkirchhofs in Stahnsdorf bange Fragen von Besuchern. Denn in den vergangenen Wochen war viel über die Zukunft des Friedhofs spekuliert worden. Sogar von der bevorstehenden Schließung war die Rede. Die Evangelische Kirche Berlin, Eigentümerin des Geländes, habe kein Geld mehr für die Anlage mit den Gräbern von Heinrich Zille, Engelbert Humperdinck und anderen prominenten Persönlichkeiten.

Der Friedhofsverwalter heißt Olaf Ihlefeldt. Seit 1991 ist er Verwaltungschef in Stahnsdorf. Er hebt beschwörend die Hände. „Eine Schließung steht nicht zur Debatte“, sagt er, um gleich danach anzufügen: „Wir müssen die in mindestens zehn Ordnern gesammelten Ideen und Konzeptionen zur Rettung des Friedhofes umsetzen.“ Veränderungen seien unausweichlich.

Der Blick in die Bücher zeigt die Problematik: Mit jährlich 247 000 Euro Zuschuss trägt die Evangelische Landeskirche die finanzielle Hauptlast, obwohl sie selbst unter sinkenden Einnahmen leidet. Die gerade noch 140 Bestattungen pro Jahr – Platz wäre für 2000 bis 3000 - bringen rund 120 000 Euro in die Kasse. Die Einnahmen aus der Grabpflege schlagen mit 160 000 Euro zu Buche. Das Geld wird für die Infrastruktur und die Bezahlung der 20 Angestellten verwendet. 16 von ihnen sind Gärtner und Friedhofsarbeiter, die teilweise nur in der Sommersaison beschäftigt werden. Das reicht nicht, um das 206 Hektar große Areal zu pflegen. Auf 150 Hektar befinden sich Grabstellen, doch nur etwa 90 Hektar werden intensiv betreut – vor allem zwischen dem Eingang und der norwegischen Holzkirche. In den Randbereichen finden längst keine Beisetzungen mehr statt. Auch von der Klassenlotterie Berlin und der Deutschen Bundesstiftung Umwelt kommt Geld, der Förderverein des Südwestkirchhofs kümmert sich um Öffentlichkeitsarbeit, Broschüren, Bücher und Konzerte in der Holzkirche.

Sorgen bereitet Olaf Ihlefeldt der Rückgang an Bestattungen in Einzel-Grabstätten. Gerade in Berlin und seinem Umland hält der Trend zu kostengünstigen Urnenbestattungen in Gemeinschaftsgräbern an. Vor 30 Jahren gab es das noch nicht, heute werden 36 Prozent aller Toten so begraben. Die Hälfte der Berliner Friedhofsflächen ist inzwischen überflüssig. „Die Bestattungskultur verfällt, Friedhöfe gelten nicht mehr als Orte der Begegnung“, sagt der Friedhofsverwalter. Aber ganz hoffnungslos ist er nicht: „Nach den Führungen über unser Gelände sehen viele Besucher den Friedhof mit anderen Augen.“

Dabei erfahren sie auch von den besonderen Beerdigungsmöglichkeiten in Stahnsdorf. Das weitläufige Gelände lässt größere und ganz individuelle Grabgestaltungen zu. Und die Preise liegen laut Ihlefeldt unter dem Berliner Durchschnitt. Ein fünf Quadratmeter großer Platz für das Grab kostet bei einer 20-jährigen Miete 600 Euro im Jahr. Außerdem können Interessenten Patenschaften für ein nicht mehr in Nutzung befindliches historisches Grab übernehmen, um es für die eigene Bestattung reservieren zu lassen. Die Patenschaft kosten zwischen 500 und 50000 Euro.

Viele Berliner kennen den Südwestkirchhof aber gar nicht, obwohl er zu den größten und schönsten Anlagen in Europa gehört. „Er ist nur sehr umständlich zu erreichen“, klagt Arne Ziekow, Leiter der landeskirchlichen Friedhofsverwaltung. „Wir fordern daher schon lange den Wiederaufbau der S-Bahn-Strecke zwischen Wannsee und Stahnsdorf.“ Die 4,4 Kilometer lange Strecke ging 1913 als Friedhofsbahn in Betrieb. Bezahlt wurde sie von der Kirche. Sie beförderte nicht nur Besucher, sondern in besonderen Waggons auch die Toten. Der Mauerbau 1961 beendete den Verkehr, der Stahnsdorfer Bahnhof wurde 1976 gesprengt, danach konnte der Friedhof von West-Berlin aus nur umständlich erreicht werden. „Notfalls müssen wir die Wiederinbetriebnahme der Strecke von der Deutschen Bahn AG als Nachfolger der damaligen Eisenbahndirektion einklagen“, kündigte Ziekow an. „Der Bahnanschluss ist entscheidend für den Fortbestand der Friedhofs. Nur dadurch gelangt er wieder ins Bewusstsein der Berliner.“

Führungen finden heute um 11 und 13 Uhr statt. Treffpunkt ist der Eingang in der Bahnhofstraße. Theologin Christina Urban spricht ab 15 Uhr in der Holzkirche.

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