Der Tagesspiegel : Der Anspruch verpflichtet

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Thorsten Metzner über den Sinn der Bewerbung Potsdams als Kulturhauptstadt

ANGEMARKT

Man hört es, staunt – und zweifelt: Potsdam bewirbt sich um den Titel einer „Kulturhauptstadt“. Nicht von Brandenburg, wo in den letzten Jahren fleißig Theater und Orchester geschlossen wurden, nicht von Deutschland: Das „Städtchen“, wie es der frühere Oberbürgermeister Matthias Platzeck gern nannte, will gleich ganz hoch hinaus: Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2010 – so das Ziel. Welch’ Anspruch! Kann ihn Potsdam überhaupt einlösen? Es fällt einem das provinzielle HansOtto-Theater ein, das in den letzten Jahren nicht über die Stadtgrenzen hinaus von sich reden machte. Oh je.

Gewiss, da ist auch das Weltkulturerbe der zauberhaften Schlossparks von Sanssouci. Da ist eine reiche europäische Geschichte, die bis heute im Stadtbild der einstigen Preußenresidenz erkundet werden kann: Russische Kolonie, Holländisches Viertel, Französische Kirche, Römische Bäder. Da ist auch das Toleranzedikt oder das Potsdamer Abkommen. Aber reicht der Griff in die Historie aus? Der Verdacht liegt nahe, dass der Anspruch Kulturhauptstadt ein paar Nummern zu groß für Potsdam ist. Überhaupt – hat die Stadt nicht genug andere Probleme wie Haushaltsnotstand, Verkehrschaos, die verwundete Mitte?

Gemach, gemach. Es geht zunächst – nur – um eine Bewerbung. Sich ein ehrgeiziges Ziel zu setzen, sich mit anderen Städten zu messen, kann nie schaden. Potsdam hat gute Erfahrungen mit der Bundesgartenschau gemacht. Jetzt der nächste Impuls für die Stadtentwicklung – das wäre gut für die Stadt. Verstecken braucht sich dieses königliche Potsdam, ein Gesamtkunstwerk von europäischem Rang, 14 Jahre nach der Wende nicht mehr: Die Stadt putzt sich an allen Ecken heraus. Bis 2010 könnten sogar das Stadtschloss und der Turm der Garnisonkirche wieder stehen. Selbst für Brandenburg hat die Bewerbung ihr Gutes: Solche Schlagzeilen sind allemal gut fürs Image. Andererseits muss Potsdam aufpassen, den Bogen nicht zu überspannen. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Landeshauptstadt in Luxus schwelgt, während das Land mit seinen Randregionen zum Armenhaus wird.

Ob Potsdam reale Chancen auf den Titel hat, ist ohnehin offen. Bis zum Jahr 2010 ist es lange hin. Der Bundesrat wird erst 2005 über die deutsche Bewerbung entscheiden, den endgültigen Zuschlag fällt der Europäische Rat erst 2006. Und es gibt ernst zu nehmende deutsche Konkurrenz – ob Augsburg, Köln, Lübeck, München, Stuttgart, Görlitz oder Wittenberg. Ganz einfach: Ist Potsdams Konzept zu provinziell, wird der schöne Traum platzen wie eine schillernde Seifenblase, was auch eine lehrreiche Erfahrung sein kann. Eins aber ist klar: Mit seiner Bewerbung muss sich Potsdam am Anspruch einer europäischen Kulturhauptstadt messen lassen – schon jetzt.

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