Der Tagesspiegel : Der „Arbeitsplatz-Verhinderer“

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Von Sandra Dassler

Frankfurt (Oder). Die Siedlung ist noch jung. Sie liegt auf einer Anhöhe, deshalb ist es hier immer etwas frischer als unten in der Stadt. Oft pfeift der Wind um die schmucken Einfamilienhäuser, zerzaust zarte Mini-Hecken und zerrt an Kunststoffplanen, die das Material für Restarbeiten an den Häusern provisorisch abdecken. Die Straßen sind nach Weißdorn und Liguster benannt, viele Einwohner haben ihre Hollywoodschaukeln und Palmen schon nach draußen gestellt.

1999 sind die ersten Familien in die „Gartenstadt“ gezogen. Wenig später haben sie erfahren, dass nur ein paar hundert Meter entfernt die Chipfabrik entstehen soll. Etwa 30 „Gartenstadt“-Bewohner haben daraufhin eine Bürgerinitiative gegründet. Andere fanden das unangebracht. Schließlich ist die Arbeitslosigkeit in Frankfurt hoch und die Chipfabrik soll, so versprechen es jedenfalls die Betreiber der Communicant AG und die Landesregierung, Tausende Jobs bringen. Die meisten Einwohner der mehr als 200 Grundstücke umfassenden Siedlung schlagen sich allerdings weder auf die eine noch auf die andere Seite. „Es kommt, wie es kommt“, sagen sie. Da könne man nichts machen. „Das steckt bei den Leuten noch aus DDR-Zeiten so drin“, meint Christoph Marquardt, Sprecher der Bürgerinitiative gegen die Chipfabrik: „Im Westen gehört so eine Bürgerinitiative bei fast jedem Bauvorhaben einfach dazu, aber hier ist man das nicht gewohnt.“

Marquardt ist mit seiner Familie im Oktober 1999 in sein „Gartenstadt“-Haus eingezogen. Am 25. Januar 2000 wurde der Standort für die Chipfabrik verkündet. Marquardt fand das unredlich. „Niemand hat die Einwohner darauf hingewiesen.“ Außerdem gäbe es eine Menge Alternativen, sagt der 36-jährige Richter. Immer wieder hätte er die Verantwortlichen darauf aufmerksam gemacht habe, dass sie wegen dieses Standorts Ärger bekämen. Aber Wirtschaftsminister Fürniß habe auf seinen Brief nicht reagiert. Also hat Marquardt an die EU-Kommission geschrieben und die hat seine Bedenken bezüglich der Nicht-Einhaltung von Richtlinien für den Umgang mit giftigen Substanzen geteilt. Nun muss die Bundesregierung dazu Stellung beziehen und Marquardt gilt bei vielen Menschen in Frankfurt als Buhmann, als Arbeitsplatz-Verhinderer. Dabei ist er überhaupt nicht grundsätzlich gegen die Chipfabrik, sondern nur gegen diesen Standort. Dass neulich eine Zeitung sinngemäß schrieb, er sei der kleine Spießer, der ein großes Zukunftsprojekt verhindern wolle, hat Marquardt nicht gerade amüsiert. Er ist dünnhäutiger geworden, zumal die Chipfabrik-Betreiber nicht zimperlich mit Kritikern umgehen. Jetzt erwägen sie, Marquardt zu verklagen, weil er in einem Interview mit dem Tagesspiegel sagte, dass das Vorhaben sowieso tot sei.

In der Tat rührt sich auf der Baustelle der Chipfabrik schon seit Wochen nichts mehr. Die riesigen Kräne standen schon still, als es noch kein Schreiben aus Brüssel gab. Dem Ehepaar Christine und Bernd Schmidt, die wie Marquardt seit 1999 in der Gartenstadt wohnen, ist das nur recht. „Das Einzige, was uns an der Chipfabrik stört, war der Baulärm. Aber da hört man ja schon lange nichts mehr. Warum, weiß keiner. Nur in der Nacht ist alles ganz hell beleuchtet.“ Der Nachbar von Schmidts will seinen n nicht nennen: Aber er meint, dass die Fabrik wegen der Arbeitsplätze sein muss. Und er kann wie viele andere einfach nicht glauben, dass die deutsche Regierung eine Verletzung internationaler Sicherheitsstandards zulassen würde. Auch andere Bewohner der „Gartenstadt“ wollen sich nicht namentlich äußern. Man wisse ja nie, wie das bei den neuen Nachbarn ankomme, sagt eine Frau, deren Ehemann hier eine private Firma betreibt. Außerdem: wenn in der Siedlung wirklich etwas störe, dann sei es der Lärm von der nahe gelegenen Autobahn.

Stefan Seelenbinder hat kein Problem, seinen Namen zu nennen. Er ist erst 19 und muss keine Rücksicht auf Geschäftsinteressen nehmen. Außerdem hat er nichts gegen die Chipfabrik. Das Rasenmähen mancher Nachbarn am Sonntagmorgen regt ihn mehr auf als künftige Gefahren durch giftige Stoffe. Sein Freund Frank Elsholz kann nicht verstehen, wie jemand gegen den Standort sein kann: „Warum soll ich mich darüber aufregen?“, fragt er. „Vielleicht entsteht hier ja mein künftiger Arbeitsplatz.“

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