Der Tagesspiegel : Der Bischof schlägt zurück

Huber weist den Geistlichen Wischnath in der Stasi-Affäre zurecht – und erhält Schützenhilfe von Historikern

Robert Ide

Berlin/Cottbus. In der Affäre um den Cottbuser Generalsuperintendenten Rolf Wischnath gerät nun Wischnath selbst unter Druck. Der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, Wolfgang Huber, kritisierte am Montag das Verhalten Wischnaths gegenüber der Kirchenleitung. Der gebürtige Nordrhein-Westfale Wischnath, der in den Verdacht geraten war, ein West-IM der DDR-Staatssicherheit gewesen zu sein, hatte sich darüber beklagt, dass die Kirchenleitung hinter seinem Rücken Nachforschungen über seine Vergangenheit angestellt habe und ihn disziplinieren wolle. Huber bezeichnete die Vorwürfe als „haltlos und falsch“. Die Nachfrage der Kirche beim Verfassungsschutz in Sachen Wischnath sei notwendig gewesen. Nur dort konnte man feststellen, ob der in den Stasi-Akten registrierte „IM Theologe“ mit Wischnath übereinstimme.

Die Akten bringen Wischnath jetzt in Erklärungsnot. „Der Verfassungsschutz hat uns mitgeteilt, dass Herr Wischnath nach dessen Erkenntnissen als IM Theologe registriert war“, sagte Konsistorialpräsident Uwe Runge. Auch der Historiker und Stasi-Experte Hubertus Knabe hatte bestätigt, dass er diese Übereinstimmung bei seinen Forschungen „mit eigenen Augen gesehen“ habe. Trotzdem ist die Kirchenleitung der Meinung, dass Wischnath nur von der Staatssicherheit abgeschöpft worden sei, es also keine konspirative Zusammenarbeit mit der Stasi gegeben habe. „Ich habe an der Aussage von Herrn Wischnath, dass er kein IM war, keinen Zweifel“, sagte Huber.

Eine offizielle Bestätigung für die Übereinstimmung der Namen ist nicht möglich, da die zu den Akten gehörende Rosenholz-Datei, in der die Klarnamen der Westagenten stehen, nicht öffentlich zugänglich ist. Die Rosenholz-Papiere waren 1989 in die Hände der US-Geheimdienstes CIA geraten und kehren nur stückweise nach Deutschland zum Verfassungsschutz und zur Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen zurück – die Daten unterliegen dem Geheimnisschutz.

Die zugänglichen Informationen der Westspionage aus der so genannten Sira-Datei enthalten nur die Berichte eines IMs und deren Bewertung durch die Stasi. In den Dateien von „IM Theologe“, die dem Tagesspiegel vorliegen, wurden sechs Berichte eingespeichert. Darin finden sich zwischen 1977 und 1982 Berichte etwa über die Situation der SPD in Nordrhein-Westfalen (siehe Kasten). Zwei Berichte befassen sich mit Interna aus der Kirche, etwa mit der Arbeit der evangelischen reformierten Kirche und der westdeutschen Kirchenpolitik gegenüber Polen.

Auffällig an den Akten ist zweierlei. Erstens: Der Umfang der von Stasi-Führungsoffizieren abgefassten Berichte ist vergleichsweise hoch. So umfasste die zweite Information, jene über die SPD in Nordrhein-Westfalen, 17 Seiten. „Das müssen lange und intensive Gespräche gewesen sein“, sagt Experte Knabe. Bei der dritten Information des „IM Theologen“ gab es nicht nur einen Bericht, die Stasi bekam auch „dokumentarisches“ Material. Unter der Kategorie „Umfang“ ist notiert: „B (8S 45A)“ – das heißt, die Information umfasste acht Seiten Bericht und ein 45-seitiges Dokument. „Hier muss Material übergeben worden sein“, sagt Knabe. Wischnath, der sich bislang damit verteidigte, nur abgeschöpft worden zu sein, muss nun erklären, wie es zu solch intensiven Kontakten kam. Es ist aber auch möglich, dass er bei seinen Gesprächen in der DDR nicht wusste, dass er es mit der Stasi zu tun hatte.

Zum zweiten ist auffällig, dass die Stasi die Informationen als wichtig einschätzte. Sie bewertete die Quelle dreimal als „zuverlässig“ – das ist die höchste Kategorie – und dreimal als „vertrauenswürdig“ – die zweithöchste Kategorie. Zudem wurden die Berichte als VVS abgespeichert, das heißt, sie sollten wie ein Staatsgeheimnis behandelt werden. Den fünften Bericht über die evangelische reformierten Kirche gaben die Geheimdienstler sogar an die sowjetischen Freunde weiter. Wischnath war bis Montagnachmittag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Die Kommunikation ist auch das Problem der Kirchenleitung. Huber räumte ein, dass es keine Kontakte zwischen Wischnath und den anderen Kirchenoberen gebe. Der Aufforderung zu einer Stellungnahme käme Wischnath nicht nach. „Für mich ist eine solche Verweigerung mit der Leitungsverantwortung in der Kirche unvereinbar“, sagte Huber. Wischnath müsse sich mäßigen. Am Freitag soll es ein klärendes Gespräch geben. Propst Karl-Heinrich Lütcke sagt: „Wir müssen den Fluch der Stasi wieder loswerden.“

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