Der Tagesspiegel : Der Bürgerbus macht Schule: Belzig folgt Granseer Beispiel

Seit 2005 sitzen Ehrenamtliche in der Gemeinde hinterm Steuer. Jetzt wollen auch andere Kommunen in Brandenburg das Modell übernehmen

Marc Neller

Gransee - Der Anfang war zäh. Mehrfach musste der Start des Granseer Bürgerbusses verschoben werden. Es fehlte Geld, es fehlte ein geeignetes Fahrzeug. Als der Bürgerbus im April 2005 endlich fuhr, waren die ehrenamtlichen Fahrer auf ihren Touren über die Alleen, Feldwege und Kreisstraßen oft die einzigen Insassen. Das hat sich im Lauf der Zeit aber geändert. Inzwischen sind alle Beteiligten ziemlich zufrieden mit ihrem Projekt. „Die Fahrgastzahlen haben sich auf einem guten Niveau eingependelt“, sagt beispielsweise Ralf Kliche, der im Granseer Bürgeramt das Projekt betreut. Es gibt daher inzwischen schon zusätzliche Fahrten. Und der Betrieb des ersten Bürgerbusses in den neuen Ländern ist bis Ende 2007 gesichert.

Er wird, das steht nun fest, nicht der einzige bleiben. Es gibt erste Kommunen, die das Modell übernehmen wollen. „Demnächst wird es in Belzig im Hohen Fläming einen Bürgerbus geben. Weitere Orte haben Interesse signalisiert“, sagt Gabriele Mittag, die Sprecherin des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB). Der Belziger Verein warte noch auf seinen Bus. In den nächsten Wochen soll auch dieser seine erste Route fahren.

Bürger fahren Bürger. Eine einfache Antwort auf die Frage, wie man verhindern kann, dass vor allem alte Menschen in einer bevölkerungsarmen Gegend einen halben Tag lang unterwegs sein müssen, um zu einem Arztbesuch oder zum Einkaufen in einen Nachbarort zu kommen. Denn außer Schulbussen fährt dort kein öffentliches Verkehrsmittel mehr. Keine 30 Personen leben auf einem Quadratkilometer – Folgen der niedrigen Geburtenrate und der nach wie vor nicht gestoppten Abwanderung. Eine Buslinie mit tarifgemäß bezahltem Personal würde sich für den regionalen Verkehrsverbund deshalb nicht lohnen. Für die Menschen in der Gegend, die nicht Auto fahren, war Mobilität nur noch ein Wort. Bis April vergangenen Jahres.

Seitdem fährt der Granseer Bürgerbus, täglich ab dem Bahnhof nach Schönermark, Sonnenberg und Schulzendorf. 40 Kilometer je Tour, Fahrtdauer je eine Stunde. Die Touren teilen insgesamt 15 ehrenamtliche Fahrer unter sich auf, Rentner oder Arbeitslose aus dem Ort. Sie haben Gesundheitsprüfungen bestanden, Lehrgänge und Prüfungen absolviert. Der Fahrpreis orientiert sich an den im Verkehrsverbund üblichen Tarifen. Er liegt zwischen 1,30 Euro und 2,30 Euro je Fahrt. Das Fahrzeug, ein dunkelgrüner VW-Transporter, spendierte das brandenburgische Verkehrsministerium; Kosten: 27 000 Euro. Zwölf Fahrgäste haben darin Platz. Im ersten Monat fuhren gerade mal 82 Fahrgäste im neuen Bürgerbus mit. Aber seitdem sich das Angebot herumgesprochen hat, steigen monatlich rund 350 Menschen zu. Die Auslastung ist damit von 13 auf 33 Prozent gestiegen. Zu den anfänglich vier täglichen Touren ist schon vor längerem eine fünfte hinzugekommen.

„Unsere Auslastung wäre sogar noch deutlich besser, wenn wir die Abendtour durch eine Fahrt zu einer attraktiveren Zeit ersetzen könnten“, sagt Rüdiger Ungewiss, der Fahrerbetreuer des Vereins. „Es hat sich gezeigt, dass spät kaum jemand mit unserem Bus fährt.“ Es gebe daher Gespräche, die Fahrt um 17.40 Uhr aufzugeben und stattdessen eine weitere am Morgen in den Fahrplan aufzunehmen – im deutlich attraktiveren Berufsverkehr. Durchaus möglich, dass es so kommt, heißt es beim VBB. Ohne dessen Genehmigung ginge nichts. Denn der Bügerbusverein fährt mit einer Konzession des örtlichen Verkehrsverbunds, der auch die Einnahmen bekommt. Dafür zahlt die Verkehrsgesellschaft des Landkreises Oberhavel den Betrieb: Steuern, Reparaturen, Benzin. Alles in allem 12 600 Euro im Jahr.

Die Bürgerbus-Idee stammt ursprünglich aus den ländlichen Gebieten Englands. Seit etwa zwanzig Jahren gibt es Bürgerbusvereine in Deutschland, vor allem in Nordrhein-Westfalen. Fachleute von der Technischen Universität Berlin haben das Konzept vor zwei Jahren in etlichen ostdeutschen Gemeinden vorgestellt. Die Resonanz war, sieht man von Gransee ab, ziemlich bescheiden. Das scheint sich nun zu ändern. Amtsleiter Kliche berichtet von Kollegen-Anfragen, auch aus Mecklenburg-Vorpommern. Die demografische Entwicklung scheint das Interesse zu befördern. Die Brandenburger Staatskanzlei etwa rechnet damit, dass die Einwohnerzahl von derzeit 2,57 Millionen in den kommenden 15 Jahren um etwa 170 000 zurück geht.

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