Der Tagesspiegel : Der Bund hilft beim Atmen

Medizinerstreit: Helmholtz-Gemeinschaft will Lungenerkrankungen erforschen

Uwe SchlichtD
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Teures Laster. Lungenkrankheiten verursachen hohe Kosten. Foto: ddpddp

Wer soll die Federführung bei der Erforschung der großen Volkskrankheiten übernehmen dürfen? Darüber gibt es Streit. Die Bundesregierung hat die Bekämpfung der Volkskrankheiten unter der Regie von Helmholtz-Zentren zu einem Schwerpunkt der Wissenschaftspolitik gemacht. Doch das passt dem Medizinischen Fakultätentag nicht. Die Vertretung der Universitätsklinika fordert: Die Federführung bei der Erforschung der Volkskrankheiten solle bei den Institutionen liegen, die die höchste Kompetenz erworben haben. Das könnten auch Universitäten sein (siehe Tagesspiegel vom 19.2.).

Dem widerspricht die Helmholtz-Gemeinschaft. Oliver Eickelberg, Leiter des Helmholtz-Zentrums München für Pneumologie, erklärte jetzt in Berlin, warum der Bund bei den Volkskrankheiten gefordert ist. Sein Beispiel: Lungenerkrankungen. Sie kosteten die Volkswirtschaften enorme Summen. 150 Milliarden Euro sind es in den USA, 105 Milliarden Euro in Europa, von denen 60 Prozent auf die direkte Behandlung der Krankheit entfallen und 40 Prozent auf Ausfälle am Arbeitsplatz. Während in der Öffentlichkeit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs im Mittelpunkt des Interesses stünden, seien Lungenerkrankungen weltweit die zweithäufigste Todesursache: „Die Gefahr, die von Lungenkrankheiten ausgeht, wird bisher als nicht so bedeutend erkannt“, sagte Eickelberg.

Die Erforschung der Volkskrankheiten unterliege einer internationalen Begutachtung. In Deutschland beschrieb Eickelberg sie als nationale Aufgabe. Die Helmholtz-Gemeinschaft kooperiere nicht nur mit Universitäten, sondern auch mit der Leibniz-Gemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft und der Fraunhofer-Gesellschaft. Die Kosten für eine so gezielte Forschung seien jedoch hoch und ohne Bundesgelder nicht zu meistern. Der Bund finanziert die Helmholtz-Gemeinschaft zu 90 Prozent.

Lungenkrankheiten seien bisher nicht ausreichend erforscht worden. Jenseits der Antibiotika zur Behandlung von Lungenentzündung existierten kaum Medikamente, die über eine Linderung der Symptome hinaus eine wirkliche Heilung bringen könnten. Lungenerkrankungen zögen sich deshalb über einen Zeitraum von 15 bis über 30 Jahre hin, weil sie oft nicht als die zentrale Ursache von Atemnot erkannt würden. Auch die Wissenschaft habe die Lungenerkrankungen vernachlässigt. An den 36 medizinischen Fakultäten in Deutschland gebe es nur acht Lehrstühle für Lungenkrankheiten.

Eickelberg ist überzeugt, dass sich ohne die Initiative der Helmholtz-Gemeinschaft an dieser Mangelsituation nichts ändern werde. Wenn es um die Bekämpfung von Volkskrankheiten gehe, müssten Großforschungseinrichtungen der Helmholtz-Gemeinschaft mit Universitäten – in diesem Fall der Ludwig-Maximilians-Universität in München –, der Pharmaindustrie und auch Allgemeinkrankenhäusern zusammenarbeiten. Die Kooperation des Helmholtz-Zentrums in München mit dem privaten Krankenhausunternehmen Asklepios sei notwendig, um nicht nur an die schweren Krankheitsfälle in den Universitätskliniken heranzukommen, sondern auch an die weit verbreiteten normalen Lungenerkrankungen. Außerdem soll die Öffentlichkeit umfassend aufgeklärt werden. Diesem Ziel dient die Stiftung „Atem Weg“, die das Helmholtz-Zentrum München gemeinsam mit der Münchener Bank ins Leben gerufen hat. Zur Mobilisierung der Öffentlichkeit sollen „Lungentage“ veranstaltet werden. Ein medizinisches Fahrzeug wird durch Deutschland geschickt, damit an verschiedenen Orten die Besucher spontan Lungenfunktionsmessungen vornehmen lassen können.

Obwohl der Medizinische Fakultätentag in der Führungsrolle der Helmholtz-Gemeinschaft bei der Erforschung von Volkskrankheiten ein grundsätzliches Problem sieht, stelle die Münchner Universität bisher den Führungsanspruch der Helmholtz-Gemeinschaft bei den Lungenkrankheiten nicht infrage, betont Eickelberg. Er hält nichts von einem Streit mit den Universitäten über die Frage, wer bei der Erforschung der Volkskrankheiten die Federführung übernehmen soll: „Wenn wir uns fünf Jahre um die Federführung streiten, leidet der Patient.“ Verständnis für diese Sichtweise äußerte der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, Ernst Rietschel. Inzwischen sei über ein gemeinsames Vorgehen bei den nationalen Gesundheitszentren beraten worden. „Klar ist, dass die Helmholtz-Zentren Zuwendungsempfänger sein müssen, wenn es um die institutionelle Förderung des Bundes geht.“ Aber der Geldempfänger müsse nicht automatisch auch die Rolle des Koordinators übernehmen. „Die soll immer der Beste haben“, fordert Rietschel.

Gemeinsame Berufungen, wie sie auch seit langem erfolgreich mit den Universitäten praktiziert werden, könne es auch zwischen Leibniz-Gemeinschaft und Helmholtz-Gemeinschaft geben. Er stellt sich vor, dass zur Erforschung der Volkskrankheiten Abteilungen in einem Leibniz-Institut gegründet und gemeinsam mit einem Helmholtz-Zentrum geleitet werden. Uwe Schlicht

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