Der Tagesspiegel : Der Deichgraf hofft wieder

Die Marquardter freuen sich über den Planungsstopp für den Ausbau des Sacrow-Paretzer Kanals. Denn der hätte ihren Schlosspark zerstört

Stefan Jacobs

Marquardt. Die Abgaswolke ist schon da, aber zu sehen ist noch nichts. Wolfgang Grittner geht noch ein bisschen schneller durch den Schlosspark, bis die uralten Eichen am Uferweg den Blick auf den Kanal freigeben. Aus Richtung Berlin kommt ein Schubschiff voll Schrott angetuckert. Grittner bleibt stehen und sagt: „Na sowas. Seltener Anblick.“ Das Schiff tuckert vorbei, die Rußwolke bleibt noch ein bisschen. Grittner zeigt auf die Siedlung am anderen Ufer: „In dem roten Haus da wohnt der Herr Miroph. Der zählt die Schiffe. Vor der Wende waren es etwa sechs pro Stunde. Jetzt sind es auch sechs. Aber pro Tag.“ Auch das Wasserstraßenbauamt will nun nochmal nachzählen. Denn womöglich braucht man hier gar keinen breiteren Kanal. Vergangene Woche hat die Schifffahrtsdirektion das Großprojekt, das die Marquardter seit Jahren plagt, den Ausbau des Sacrow-Paretzer Kanals, auf Eis gelegt.

Das Schiff hat den Schlänitzsee erreicht, ein großes, flaches Wasser, durch das der Sacrow-Paretzer Kanal als ausgebaggerte Fahrrinne mitten durch führt. „Der Uferweg und die alten Bäume hier, das käme alles weg“, sagt Grittner und geht durch den Park zurück nach Hause. In den ersten Jahren haben er und seine Frau zwei Zimmerchen im Schloss bewohnt. 40 Jahre ist das her. Dann sind sie in das alte Haus im Park gezogen, weil sie keine Wohnung im nahen Plattenbau abbekommen haben.

Seit seiner Pensionierung führt Grittner regelmäßig Besuchergruppen durch den Park. Er zeigt ihnen den Blick vom Schloss auf den Schlänitzsee und zitiert Fontane, dem Marquardt und seine feine Gesellschaft zwei Kapitel wert waren.

Doktor Wolfgang Grittner, 64 Jahre alt, Student der Geschichte im vierten Semester, pensionierter Veterinär, Ortschronist und stellvertretender Bürgermeister von Marquardt bei Potsdam, Mitglied des Aktionsbündnisses gegen den Havelausbau. Letzteres ist normal in dieser Gegend, in der sich fast alle Anlieger gegen das Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 17 wehren, den Ausbau des Wasserweges zwischen Hannover und Berlin. Auch der Investor, der das angewitterte Neobarockschloss Marquardt zur Managerschmiede herrichten will, hat eine Einwendung geschrieben. Am 13 Kilometer langen Sacrow-Paretzer Kanal würde der Ausbau besonders weh tun, sagen Wasserexperten. Sechs bis acht Meter breiter soll er werden, damit große Pötte auf ihm entlang rauschen können wie auf einer flüssigen Autobahn, ohne von Kurven, Gegenverkehr oder gar der Natur aufgehalten zu werden.

Wie ein Saurier ist das Vorhaben aus der Euphorie der Wendezeit übrig geblieben. Aber anders als die Saurier stirbt es nicht, obwohl seine Nahrung knapp geworden ist: kaum noch Schiffsverkehr, Ebbe in der Staatskasse und Ebbe in den Flüssen ringsum.

Grittner bleibt stehen. Ein Rohr kreuzt den Deichweg, der den 1823 von Lenné angelegten Schlosspark vor Hochwasser schützen soll. Bei Überflutungen kann Wasser aus dem Schlosspark zum Schlänitzsee abgepumpt werden. Früher, als Grittner neu hier war, stand Lennés weitläufiges Kunstwerk aus Bäumen, Wegen und Teichen manchmal unter Wasser. Inzwischen dient der Damm vor allem dazu, das letzte bisschen Wasser im Park zu halten. Die Planer von der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Ost haben ausgerechnet, dass der Ausbau des Kanals den Wasserspiegel um weitere elf Zentimeter senken würde. Umweltexperten rechnen mit bis zu 20 Zentimetern. Selbst wenn die Wahrheit in der Mitte liegt, dürften Lennés Linden und Platanen bald ebenso auf dem Trockenen stehen wie die Karpfen im Teich.

Grittner schaut noch kurz am Schlänitzsee vorbei. Den Strand haben sie der Fahrrinne zu verdanken, die seit dem Bau des Kanals vor 130 Jahren regelmäßig ausgebaggert werden muss. So kommt immer mehr Sand von der Mitte ans Ufer. Die Grittners schwimmen gern von hier über den See. Etwa 500 Meter ist er breit, die ersten 100 können sie zu Fuß gehen, weil das Wasser so flach ist. Ein Großteil des Sees und der naturgeschützten Sümpfe ringsum würde verlanden, wenn der Pegel weiter sinkt.

Auch die Schiffe – sofern sie kommen – würden die Landschaft wohl mitgestalten, so wie vor ein paar Jahren schon einmal. Grittner zeigt auf eine Gruppe von zwei Dutzend Erlen neben dem Strand: „Die kam 1979 von der anderen Seite mit dem Wind hierher.“ Er holt ein Schwarz-Weiß-Foto hervor, das die Bäume auf großer Fahrt zeigt. Eine etwa 60 Quadratmeter große Insel hatte sich damals vom Westufer gelöst, trieb ein paar Tage über den See und dockte schließlich am Schlosspark an. Seitdem gibt es am Strand von Marquardt auch ein schattiges Plätzchen, zwei Gehminuten vom Haus der Grittners entfernt. „Hier will ich wohnen bleiben“, sagt Wolfgang Grittner und schaut über den See. Plopp! Eine Eichel ist ins Wasser gefallen und lässt Grittners Spiegelbild zittern. Er schaut darüber hinweg, zur Kanal-Einfahrt. Dort ist alles ruhig.

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