Der Tagesspiegel : Der Fall Schmökel: "Eine lebende Zeitbombe"

Claus-D. Steyer/Holger Stark

Die Liege steht umgekippt neben einem dicken Blutfleck auf dem kurz geschnittenen Rasen. Davor liegt noch der Rest einer goldfarbenen Schutzfolie. Die Sanitäter haben hier in der Siedlung Post-Bruch am Rande von Strausberg um das Leben des 60-jährigen Johannes B. gekämpft. Vergeblich. Der Gartenbesitzer erlag seinen schweren Verletzungen. Mit einem Spaten hatte der flüchtige Sexualverbrecher Frank Schmökel auf den Mann eingeschlagen und ihn damit ermordet. Im Nachhinein wird die Polizei rekonstruieren, dass Schmökel in den Nachbarbungalow eingebrochen war, irgendwann zwischen Montag und Donnerstag. Vielleicht hat ihn Johannes B. überrascht. Vielleicht hat Schmökel auch dessen Auto gesehen und geahnt, dass das eine gute Gelegenheit zur Flucht ist. Auf etwa 13 Uhr datieren die Gerichtsmediziner den Tod von Johannes B. Tod durch Schläge auf den Kopf. Nach der Tat verschwindet Schmökel. Wieder einmal.

Bis zum gestrigen Abend gab es keine heiße Spur. "Wir wissen nicht, wo er ist", sagte Innenminister Jörg Schönbohm gegenüber dem Tagesspiegel. Die Polizei habe auch das Fluchtauto nicht gefunden. Sicher sie bisher nur, dass Schmökel in Nisky in Sachsen gewesen sei. Am späten Donnerstagnachmittag gegen 18.30 Uhr hatten sich die Ereignisse bei der Polizei überschlagen. Gegen 18 Uhr hatte der flüchtige Verbrecher bei seinem früheren Psychiater in der Klinik angerufen. Er habe einen Menschen schwer verletzt, teilte Schmökel mit. Dann beschrieb der 38-Jährige grob den Tatort und kündigte an, Brandenburg zu verlassen. Spätere Rekonstruktionen ergeben, dass der Anruf aus einer Telefonzelle im sächsischen Nisky kam. Der Psychiater alarmierte die Polizei. Bei der hat sich zu dieser Zeit gerade Heiko B. gemeldet. Heiko B. besitzt die Datsche neben Johannes B. und hat registriert, dass bei ihm eingebrochen wurde. Zwei Pullover fehlen, ein hellgrün-weißer Selbstgestrickter mit Römerkragen und ein Fleece-Pullover. Offenbar hatte Schmökel in dem Bungalow gewohnt, möglicherweise schon seit Montag, dem Tag, als hier das letzte Mal jemand vorbeischaute.

Die Siedlung Post-Bruch besteht aus vielen Gärten mit großen und kleinen Bungalows, massiven Häusern und einfachen Lauben. Der Name hat nichts mit der heutigen Post zu tun, erklärt ein Anwohner. In früheren Zeiten habe die Gegend Porst-Bruch geheißen - nach dem seltenen Heidekrautgewächs Sumpf-Porst. Aus Porst sei dann Post geworden. Es ist die von der Pflanze bevorzugte Umgebung: feuchtes, hohes Schilf und Büsche - alles geschützt durch einen dichten Wald. Vor einigen Jahrzehnten entstanden hier die Datschen für die Wochenend-Ausflügler. Neben den beiden Datschen von Johannes B. und Heiko B. steht noch ein drittes Häuschen. Es wird ständig bewohnt. Die Nachbarn haben nichts gemerkt, weder von dem Einbruch, noch von dem Mord.

Die auseinander gerissene Siedlung im Osten Strausbergs erscheint im Nachhinein als ideales Versteck. Die Polizei hat sich jedoch nach den Berichten mehrerer Anwohner in den vergangenen Tagen hier kaum blicken lassen. Dabei war bekannt, dass Frank Schmökel sich in dieser Gegend gut auskannte. Das Haus seiner Mutter, aus dem er am vorangegangenen Mittwoch seinen beiden Pflegern entkommen war, liegt nur einige Kilometer entfernt.

Möglicherweise hatte es sich das spätere Opfer Schmökels am Donnerstagnachmittag auf der Liege am Rande des Gartenzauns bequem gemacht. Auf dem Grundstück befinden sich Lauben, Bungalows und Finn-Hütten, die zur Übernachtung von maximal zwei Personen geeignet sind. Es war gestern nicht auszuschließen, dass sich Schmökel seit Tagen hier versteckt gehalten haben könnte. Mehrere Unterkünfte auf dem Gelände wurden von der Polizei versiegelt.

Rätselhaft blieb bei den ermittelnden Polizeibeamten eine offene Dose auf der Veranda des Bungalows. Möglicherweise hat sich Schmökel daraus mit Wurst und Fleisch versorgt. Spezialisten untersuchten Speichelreste. Ebenso wurden Fußspuren im Garten aufgenommen. Sicher ist, dass 70 Mark aus der Börse des Opfers sowie Papiere und eine EC-Karte fehlen. Ebenso der türkisgrüne Hyundai Pony B-NM 9392, der behindertengerecht umgebaut war. Bevor der gehbehinderte Johannes B. am Donnerstag aus Berlin raus aufs Land gefahren war, hatte er seiner Familie gesagt, er werde auch tanken fahren. Eventuell konnte Schmökel so in einem aufgetankten Wagen fliehen.

Später meldet sich ein Autofahrer bei der Polizei, der Schmökel nach Mitternacht mehrere Minuten auf der A 11 in der Uckermarck verfolgt haben will, seine Spur dann aber verlor. Dort hat Schmökel frühere Bekannte in einer Kita. Die Polizei riegelte den Ort großräumig ab. Ergebnislos. Der Leiter des Einsatzstabes der Frankfurter Polizei, Norber Bury, sagt später, die Beamten hätten mittlerweile "Spuren in alle Richtungen Brandenburgs". In dem Telefonat mit dem Psychiater hatte Schmökel den Raum Nisky bei Görlitz erwähnt; auch in Lübeck und anderswo werden neue Durchsuchungen angeordnet. "Wir haben die Fahndung von national auf international ausgeweitet", sagt die Staatsanwältin Petra Marx. An vielen Grenzübergängen nach Polen kam es in den gestrigen Abendstunden zu teilweise chaotischen Verhältnissen. Zehn Personen stehen unter dauerhaftem Polizeischutz - Bekannte Schmökels, frühere Opfer, die Familie. Die Fahnder sind sichtbar angeschlagen. "Wir sind unter einem so hohen Erfolgsdruck, das hinterlässt auch bei uns Spuren", sagt der Polizeipräsident von Frankfurt (Oder), Hartmut Litsch. Nach dem Mord trauen die Experten Schmökel alles zu. "Er bewegt sich wie ein Tier im Käfig", sagt der Psychologe Rudi Brandt, den die Polizei hinzugezogen hat. "Er wird jetzt nicht mehr die weiche Tour fahren." Und der leitende Polizeidirketor Dietmar Weist sagt: "Da läuft eine lebende Zeitbombe herum."

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